Als der Adler auf dem Schutt landete

Vor 50 Jahren wurde in Grünbach der Vogel als "Symbol von Militarismus und Imperialismus" vom Sockel gehoben. Doch den ersten Ärger gab es schon als er aufgestellt wurde.

Grünbach.

Der Beschluss wurde korrekt und scheinbar demokratisch gefasst: Vor genau 50 Jahren, am 8. August 1968, beauftragte die Grünbacher Gemeindevertretung den Rat der Gemeinde mit der "Umgestaltung der Anlage am Kriegerdenkmal". Im Betreff steht, worum es genau ging: "Entfernung des Adlers". Der sei dann auch ganz schnell weg gewesen, hat Ortschronist Jan Hartmann (39) herausgefunden: "Als die Russen mit ihren Panzern Ende August 68 durch Grünbach Richtung Tschechoslowakei rollten, haben sie den Adler schon nicht mehr gesehen." Der junge Chronist hat im Gemeindearchiv aber auch ein Papier gefunden, das die Schein-Demokratie der DDR schön demonstriert: Bereits am 30. Juli, also neun Tage vor dem Beschluss, hatten die damaligen Verantwortlichen im Grünbacher Rathaus den VEB Kunststeinwerke Lengenfeld damit beauftragt, den Adler "als Symbol des Militarismus und Imperialismus zu entfernen". Ersetzt werden sollte der Wappenvogel durch eine Blumenschale mit der Inschrift "Nie wieder darf von Deutschland ein Krieg ausgehen!"

Ersten Ärger mit dem Adler hatte es bereits gegeben, als das Kriegerdenkmal für die 106 Gefallenen des 1. Weltkriegs im September 1924 aufgestellt worden war: In der Nacht vor der Weihe wurde die muskulöse Brust des Vogels rot angestrichen. "Offenbar von Kommunisten", wie Chronist Hartmann meint. Unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg habe es dann den ersten Versuch gegeben, den Adler komplett zu entfernen. "Das klappte aber nicht, weil er zu schwer war." So stand er noch 23 Jahre ungestört und musste dann weichen. Heute soll er irgendwo hinter der Feuerwehr im Schutt liegen, mit abgebrochenen Flügeln. "Vielleicht gibt es ja doch eine Möglichkeit, dass der Adler an seinen angestammten Platz am Denkmal zurückkehrt", hofft Jan Hartmann. "Mit Nazis hat der doch nichts zu tun." An vielen anderen Orten, gerade im Norden, seien steinerne Vögel der gleichen Art an Gedenkstätten auch während der DDR-Zeit unbehelligt geblieben.

Während der sozialistischen Ära abgebaut und verschollen war auch das 1874 aufgestellte Denkmal für die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71). Es hatte zuletzt an der Schule gestanden. Die zerbrochenen Teile waren 2010 in einem Grünbacher Grundstück gefunden worden, nach einer Spendenaktion des Kultur- und Heimatvereins konnte die restaurierte Säule 2013 vor dem anderen Denkmal aufgestellt werden. Dort erinnern seit 2008 auch Gedenktafeln aus Metall an die 170 Grünbacher Gefallenen des 2. Weltkriegs. Im 1. Weltkrieg hatte der Ort 106 Männer verloren. "Inzwischen haben wir 73 Jahre Frieden - hoffentlich bleibt das so", sagt der Chronist.

Die DDR-Blumenschale mit dem "Nie wieder"-Schriftzug hat unterdessen Asyl vor der Feuerwehr gefunden. Nach der politischen Wende 1989 hatten sich die Grünbacher an ihr gestört und sie vom Denkmal verbannt, an dem sie seit 1968 anstelle des verfemten Adlers stand.

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