"Alte Stickerei": Grafikerin und Geophysiker mit einer Idee

Industriegeschichte, Kunst, Mundart: Aus der "Alten Stickerei" Grünbach entwickelt sich ein Kulturort, der nicht konservieren, sondern Momente schaffen soll. Eine erste Bilanz und wer dahinter steckt.

Grünbach.

Sie wiegen mehrere Kilogramm und sind nicht von handlicher Größe: zwei Musterbücher, die anlässlich der Sommerausstellung in der Alten Stickerei Grünbach aufgetaucht sind. Laut Petra Gronem-Schlosser stammen sie aus einem privaten Fundus - von jemandem, der sie nach dem Exodus der DDR-Textilindustrie aus einem der Grünbacher Betriebe und damit wohl vor der Mülltonne gerettet habe. Die Webmusterbücher wurden einst bei Thoß & Gushurst hergestellt, einer Musterbücher- und Musterkartenfabrik in Plauen. Gronem-Schlosser geht davon aus, dass die Bücher aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg stammen, eine Jahreszahl sei leider nicht vermerkt.

Die Musterbücher oder in einem anderen Fall handgemalte Entwürfe, die ein Falkensteiner vorbeibrachte - dies zeugt von dem Interesse an der Ausstellung "In Memoriam - Drei Grünbacher Urgesteine". Insgesamt 250 Besucher plus drei Schulklassen und eine Hortgruppe haben sich die nur tageweise von Juni bis August geöffnete Schau zu den Textilgestaltern Martin Gläß (1920-2006) und Manfred Luderer (1941-1995) sowie dem Architekten und Freizeitkünstler Manfred Kretzschmann (1934-2011) in der Industrie-Brache an der Bahnhofstraße 22 angeschaut. Parallel hatte sich auch noch ein "gelungener Mundartnachmittag" vor der Kulisse der Ausstellung ergeben. Petra Gronem-Schlosser (56) und ihr Projektpartner Gerd Wolf (72) ziehen Bilanz: "Wir konnten Besucher aus Grünbach, Falkenstein, Markneukirchen, Plauen, Leipzig, Auerbach, Dorfstadt und Berlin begrüßen." Darunter auch das bekannte Gestalter-Paar Klaus und Karin Helbig aus Plauen. Viele, die da waren, seien beruflich mit der heimischen Textilindustrie verbunden und hätten sich über die Würdigung gefreut, so die Macher der Schau.

Die Macher: Das sind eine in Leipzig geborene Grafikdesignerin, die ihre Kindertage oft in der großväterlichen Weberei in Grünbach verbrachte und heute zwischen Berlin und dem Vogtland pendelt, sowie ein pensionierter Geophysiker aus Bad Elster, dessen Großvater Max Wolf 1925 in Grünbach eine Spinnerei gründete - in jenem Gebäude, das heute als Alte Stickerei gilt und das leerstehend den morbiden Charme vergangener Industriezeiten ausstrahlt.

Der Zustand des Hauses lässt eine Nutzung nur in den Sommermonaten zu. Deshalb bauen Gronem-Schlosser und Wolf die Ausstellung aktuell auch wieder ab. 2019 öffneten sie den alten Stickereisaal erstmals für die Öffentlichkeit, damals stellte die Grafikerin selbst aus. Dieses Jahr war ursprünglich die Teilnahme am landesweiten Format "Kunst:offen in Sachsen" geplant, was wegen Corona ausfiel. Die Schau über die drei Grünbacher Gestalter stellten sie alternativ auf die Beine, auch wenn die Hygiene-Auflagen Einschränkungen bedeuteten.

Die Teilnahme an der sachsenweiten Atelier-Aktion ist auf Pfingsten 2021 verschoben. Dann werden neben Gronem-Schlosser vier weitere Künstler aus Berlin und Bozen, die sich unter anderem mit den Themen Verfall und Neustrukturierung von Bauwerken befasse, ausstellen.

Gerd Wolf und Petra Gronem-Schlosser wollen jedoch kein neues Museum mit konservatorischem Charakter schaffen, sondern einen Ort für "besondere Momente der Begegnung". Diesem Gedanken folgend ist auch offen, wie lange das alte Gebäude in dem Zustand Kulisse bietet. Bisherige Ideen für Sanierung und Nutzung seien aus Kostengründen verworfen worden, erklärt Gerd Wolf. Er und Gronem-Schlosser hoffen auf Impulse durch ihre gemeinsamen Projekte und den sich daraus ergebenden Vernetzungen.

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