Auerbach 1989: Ein "Wossi" erinnert sich

Als Jugendlicher wurde Tino Leucht vom Vogtland ins Ruhrgebiet verpflanzt, doch seine alte Heimat hat er nie vergessen. 30 Jahre nach der Wende finden seine Fotos aus den letzten DDR-Tagen viel Interesse.

Auerbach.

Am Morgen des 13. Juli 1977 klingelte die Stasi bei Familie Leucht in Auerbach: Noch am selben Tag sollte seine Mutter mit ihm die DDR verlassen, erinnert sich Tino Leucht, der damals gerade zwölf geworden war: "Uns blieben nur ein paar Stunden, es gab keine Vorankündigung. Offenbar haben sie den Ferienbeginn abgewartet, damit das Aufsehen nicht so groß ist." Ein Jahr vorher hatte die Mutter einen Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik gestellt und die Scheidung eingereicht - es folgte eine "Scheißzeit" voller Schikanen, sagt Leucht, der heute 53 ist und in der Nähe von Frankfurt am Main lebt.

Dass er als Jüngster mit der Mutter in den Westen geht, das habe die Stasi durch die angeordnete Trennung der Kinder bei der Scheidung der Eltern praktisch festgelegt. Der Vater zog mit dem älteren Bruder schon am Tag danach nach Rostock, der Halbbruder blieb bei der Oma in Auerbach.


Tino Leucht landete damals im Ruhrgebiet, wo seine Mutter mit einem Jugendfreund zusammenzog. Die Mutter durfte nicht mehr in die DDR einreisen - er aber schon. Und das tat er ab 1979 regelmäßig, zwei- bis dreimal pro Jahr. "Ich reiste allein, was sollte mir schon passieren? Wenn nicht, wäre mir meine Familie ja abhanden gekommen." Der Jugendliche fuhr per Zug durch die ganze Republik: Erst hinauf zum Vater nach Rostock, anschließend hinunter zur Oma nach Auerbach. Immer im Gepäck: seine Kamera Nikon F 3. Mit der hielt er alles fest, was ihm interessant erschien. "Heute würde ich natürlich ganz andere Bilder machen - aber damals wusste ich es halt nicht besser", sagt Tino Leucht. Probleme mit der Staatsmacht habe er durch das Fotografieren nie bekommen: "Ich war aber auch nie dreist und fotografierte niemals, wenn in der Nähe Uniformen zu sehen waren oder im Bereich von Polizeidienststellen."

Wie es der Zufall wollte, war Leucht, inzwischen 24, auch im Revolutionsherbst 1989 in der DDR unterwegs. In Auerbach wurde er Zeuge der großen Demonstrationen auf dem "Friedensplatz", wie er den heutigen Neumarkt immer noch nennt. "Und ich habe die Kerzen gesehen, die von der SED-Kreisleitung (heute Polizeirevier Schulstraße, Anm. d. Red.) bis hinunter zur Straße auf dem Sockel des Geländers standen." Es sei eine aufregende Zeit gewesen, erinnert sich der Exil-Vogtländer. Fotos von den Demonstrationen schoss er allerdings nicht: "Es war ja stockfinster, die wären eh nichts geworden." Ein knappes Jahr später lebte er wieder in einem gemeinsamen Land mit dem Rest seiner auseinandergerissenen Familie.

Natürlich habe er damals seinen "Exoten-Status" als Bundesbürger in der DDR genossen, gesteht Tino Leucht. Andererseits sei er immer irgendwie "ein DDR-Kind" geblieben. "Die Erinnerungen an die Zeit im Vogtland werden mit den Jahren schärfer - es ist verrückt." Ein Leben zwischen West und Ost - Leute wie er werden manchmal als "Wossis" (aus "Wessi" und "Ossi") bezeichnet.

Seine Fotos aus dem Wendejahr hat er auf der Facebook-Seite Auerbach inzwischen schon mehrfach veröffentlicht. Sie finden sehr viel Anklang - denn Farbfotos aus dieser Zeit sind selten, die meisten fotografierten im Osten damals ausschließlich schwarz-weiß. Tino Leucht ist allerdings überzeugt: "Da haben bestimmt viele Auerbacher bessere Bilder in ihren Schubladen." Sie müssten diese halt bloß mal raussuchen und digitalisieren: "Klar ist das bisschen Aufwand - aber den sollte man betreiben."

30 Jahre nach der Wende: Für "Freie Presse" Anlass, in loser Folge weitere Fotos von Tino Leucht zu publizieren.

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