Barrierefreiheit: An der Plauener Bahnhofstraße soll sich mehr tun

Helga Kipping ist verzweifelt. Die Rollstuhlfahrerin fühlt sich von unwegsamen Straßen umgeben. Doch seit einem Beitrag in der "Freie Presse" vor fünf Jahren hat sich viel getan.

Plauen.

Für Helga Kipping ist es nicht nur zeitlich gesehen ein Riesenaufwand, wenn ihr Brot und Butter ausgehen und der Einkauf ansteht. Denn die 83-jährige Frau aus Plauen ist auf den Rollstuhl angewiesen. Sie wohnt in der Tischendorfstraße in Nähe des Oberen Bahnhofs.

Will sie zu ihrem Discounter in der Pausaer Straße, muss Kipping zunächst die viel befahrene Bahnhofsstraße in Höhe des sogenannten Roten Würfels überwinden und später nochmals an der Straßenbahnhaltestelle. "Die Räder des Rollstuhls bleiben aber in den Rillen zwischen Straßenasphalt und den Gleisbetten der Straßenbahn hängen", moniert Kipping. Auch existierten Schnittgerinne, die für die gehandicapte Seniorin schier unüberwindbar seien.

Kipping ist im Rathaus keine Unbekannte. Seit mehr als fünf Jahren hält Plauens Behindertenbeauftragte Heidi Seeling mit ihr telefonisch oder vor Ort Kontakt und kümmert sich um deren Anliegen. Die Rentnerin hat diese bereits in Ausschüssen des Plauener Stadtrates vorgebracht und sich außerdem an die Bürgermeister und an die Fraktionen gewendet. Auch seit einem Beitrag in der "Freie Presse" vor über fünf Jahren hat sich viel getan: Die Verwaltung ging auf die Belange von Rollstuhlfahrern ein.

Wie Heidi Seeling schildert, seien zum Beispiel in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit dem Fachgebiet Tiefbau Begehungen durchgeführt sowie Vorentwürfe für die Umgestaltung der Bahnhofstraße unter besonderer Berücksichtigung der Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen geprüft und diskutiert worden. "Die Arbeitsgruppe 'Behindertenhilfe der Stadt Plauen' hat dieses Projekt zuletzt im Juni 2019 ausführlich besprochen", so Seeling.

Leider seien die von der Bürgerin gewünschten Vorschläge sowohl in der Umsetzung als auch in der Finanzierbarkeit nicht alle machbar. Darauf habe auch Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (FDP) in seinem Briefwechsel mit Seniorin Kipping hingewiesen. Allerdings, macht Seeling Hoffnung, soll zumindest der Gehwegbereich der oberen Bahnhofstraße zeitnah saniert werden. Derzeit werde die Planung dafür erstellt. Die durch die Bürgerin genannten Missstände würden berücksichtigt und eventuell beseitigt.

Der Flickenteppich-Abschnitt auf dem Fußweg an der oberen Bahnhofstraße zwischen der Sparkasse und den Wohnblocks von WBG und AWG wird als Kuhflecken-Boulevard bezeichnet. Das daran erinnernde Design entstand Anfang 2017 bei großflächigen Ausbesserungen der helleren Gehwegplatten mit Asphalt. Während die nicht schön anzusehende Maßnahme bei vielen für einen Sturm der Entrüstung gesorgt hatte, ist es allerdings nicht Helga Kippings größtes Problem. Die "Kuhflecken" machten ihren Rollstuhlrädern keine Sorgen, sagte sie auf Nachfrage.

Sie moniere vielmehr, dass es zwischen der Tischendorf- und der Bahnhofstraße keinen direkten barrierefreien Fahrbahnübergang gibt. Den Fußgängertunnel unweit des Bahnhofs habe sie schon nicht nutzen können, als sie noch zu Fuß unterwegs war, denn bereits damals war sie stark gehbehindert.

Laut Kipping ist die Situation zugespitzt, denn die Rentnerin hat keine Familie, ist also weitestgehend auf sich gestellt. Jüngst sei es zu einer dramatischen Situation gekommen, berichtet die ehemalige Textilingenieurin. Ein Auto habe gerade noch so bremsen können, sie sei beinahe überfahren worden. Die Frau, die sich zumindest eine Ampelanlage an der gefährlichen Straßenecke wünscht, sagt: "Ich habe Angst."

Sie hat aber nicht nur sich selbst im Blick, sondern denke auch an die vielen Älteren in ihrem Wohngebiet oder an Radfahrer, Mütter mit Kinderwagen und Schulkinder. "Ich habe da schon einige stolpern sehen". so Kipping. (mit us)

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