Brückenbau im Zeitraffer

Die wichtigste Straße des Vogtlands wird 80. Viele Menschen leben von und mit ihr. "Freie Presse" stellt sie vor. Heute: ein Hobbyfotograf und sein Schatz.

Weißensand.

Zwischen dem Autobahndreieck Bayerisches Vogtland und der Abfahrt Zwickau-Ost rollt der Verkehr auf der A 72 über sieben Großbrücken hinweg. Allein vier davon befinden sich im Vogtlandkreis. Das sind die Pirker Autobahnbrücke über die Weiße Elster bei Pirk (635 Meter Länge), die Friesenbachtalbrücke bei Plauen (203 Meter), die Triebtalbrücke über die Talsperre Pöhl (373 Meter) und die Weißensander oder auch Göltzschtalbrücke über die Göltzsch (427 Meter). Die letztere Brücke ist nicht zu verwechseln mit der ebenfalls als Göltzschtalbrücke bezeichneten größten Ziegelsteinbrücke der Welt, über die allerdings Züge rollen.

Errichtet wurden die insgesamt 1638 Brückenmeter messenden Viadukte im sächsischen Vogtland Ende der 1930er-Jahre. Dass die Bauarbeiter damals schon ihr Handwerk verstanden haben, zeigen vier Fotos von der Weißensander Brücke aus dem Jahr 1938, die der Lengenfelder Rolf Schwotzer jetzt aus seinem Archiv geholt hat. "Es ist erstaunlich, wie zügig die Arbeiten damals vorwärts gegangen sind", sagt Schwotzer und verweist auf das Datum, an dem die Bilder geschossen wurden: Das älteste stammt vom Mai, das jüngste vom September 1938. Während auf dem Frühlingsfoto nur ein Brückenbogen fertig ist, stehen auf dem Herbstbild alle Bögen.

Laut Schwotzer stammen die Aufnahmen vom Fotografenmeister Friedrich Paul, der einst Ateliers in Auerbach, Lengenfeld und Falkenstein unterhalten hatte. Die Reproduktionen fertigte Schwotzer an. Der 79-jährige Lengenfelder ist seit seiner Jugend Hobbyfotograf. Die Brückenfotos habe ihm Friedrich Paul geschenkt. Genau genommen handelt es sich dabei nicht um Fotos, sondern um Postkarten. Schwotzer vermutet, dass das Bauunternehmen Grün & Bilfinger AG aus Dresden/Mannheim sie einst bei Friedrich Paul in Auftrag gegeben hatte. Den Hobbyfotografen fasziniert, dass damals in wenigen Monaten sämtliche Bögen gesetzt wurden: "Vor dieser Leistung kann man nur den Hut ziehen."

In und an der Weißensander Brücke wurden rund 30.000 Tonnen Granitsteine und 130.000 Tonnen Beton-Baustoffe verarbeitet, hat Rolf Schwotzer in Erfahrung gebracht. Bei den Granitsteinen weist die Geschichte dieses Bauwerkes einen dunklen Fleck auf: Laut einer Broschüre des Bundesministeriums für Verkehr, erschienen Mitte der 1990er-Jahre, würden diese Steine aus Steinbrüchen stammen, in denen Häftlinge aus Konzentrationslagern gearbeitet haben.

Das Bauwerk über die Göltzsch wurde 1939 fertig. Zu DDR-Zeiten floss der Verkehr einspurig über das Viadukt, weil es zwischen den Autobahnanschlussstellen Zwickau-Ost und Pirk nur jeweils eine Fahrbahn in jede Richtung gab. Nach 1990 fand der Neubau der auch als Vogtlandautobahn bezeichneten A 72 unter der Regie der Autobahndirektion Nordbayern und des Autobahnamtes Sachsen statt.

Beide Behörden legten großen Wert darauf, nicht nur die Großbrücken, sondern auch deren Besonderheiten zu erhalten. Die Arbeiten an der Weißensander Brücke gingen im November 1994 zu Ende. Damit war sie das letzte der vogtländischen Großbauwerke, auf dem der Verkehr vierspurig rollte.

Während die großen Brücken der A 72 zu den architektonischen Besonderheiten des Vogtlands gehören, fallen kleinere Querungen oft gar nicht auf. Die Autos donnern auf der Schnellstraße darüber hinweg. Dabei sind diese kleinen Brücken für das Aufrechterhalten der Verbindungen zwischen den Orten an der Autobahn wichtig. Zwischen der sächsisch-bayerischen Landesgrenze und der Grenze zwischen dem Vogtlandkreis und dem Landkreis Zwickau gibt es noch einmal 52 kleine Brücken, so das Landesamt für Straßenbau und Verkehr.

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