Das Ende der Zettelwirtschaft: Traditionsbäckerei wird digital

Rezepte kommen per App, Semmeln und Brot gibt's auch ohne Bargeld: Ein Heimkehrer hat alle Bereiche des Grünbacher Familienbetriebs ins Informationszeitalter katapultiert.

Grünbach.

Tobias Frisch war eigentlich längst weg aus dem Vogtland - doch vor anderthalb Jahren zog der 36-Jährige mit Frau und zwei kleinen Kindern aus Leipzig zurück nach Grünbach, wo seine Eltern eine traditionsreiche Bäckerei betreiben. "Das war schon eine heftige Umstellung", meint er im Rückblick. "Zum Glück stammt meine Frau aus Reumtengrün, eine echte Städterin hätte ich wohl nicht herbekommen." Als Ingenieur für Energietechnik war Frisch vorher in aller Welt unterwegs, installierte Windräder in Afrika, Indien oder mitten in der Nordsee, war wochenlang nicht daheim.

In Grünbach hat er nun ein geregeltes Familienleben, als Fachfremder übernahm er in der Bäckerei des Vaters den Eis-Sektor und den "Bürokram". Und startete eine Digitalisierungs-Offensive: Die Rezepte wurden von Zetteln in eine App übertragen, mit Hilfe einer digitalen Waage wird sofort errechnet, wie viel von welcher Zutat noch fehlt. Preise können in allen fünf Filialen zeitgleich geändert werden, Bestellungen laufen über Computer statt umständlich über Telefon und Notizen. "Das spart Zeit und reduziert Fehler", sagt Tobias Frisch. Wobei es gerade bei altgedienten Verkäuferinnen zunächst "Hürden im Kopf" gegeben habe: "Wir haben an einer Übungskasse trainiert - und dann hat die Umstellung ganz problemlos geklappt." Finanziell unterstützt wurde sie durch eine Förderung der Leader-Region "Sagenhaftes Vogtland".

Auch für treue Kunden gab es eine Änderung: Die gute alte Brot-Stempelkarte wurde kurz vor Weihnachten durch eine digitale "Frischekarte" ersetzt, auf der nun die Bonuspunkte gespeichert sind. "Die Älteren trauern ihrer Stempelkarte bissel nach", hat Frisch beobachtet. Doch auf den Kassenzetteln könnten sie immer noch genau den Bonus-Stand nachlesen.

Weitere Neuerung: Man braucht in allen Filialen (in Grünbach, Treuen, Falkenstein, Tannenbergsthal und am Verkaufsmobil in Klingenthal) kein Bargeld mehr, um Brot, Semmeln oder Kuchen zu bezahlen. Dies geht nun mit allen gängigen Bankkarten oder mit Apple Pay. "In Grünbach ist es ja schwer, Bargeld zu bekommen, seitdem die Sparkasse geschlossen hat", so der Heimkehrer. Und gerade in der Filiale bei Norma in Tannenbergsthal zahlten auch viele Ältere mit Karte.

Trotz aller Digitalisierung: Man backe nach wie vor nach den gewohnten und beliebten Rezepturen aus 125-jähriger Tradition, betont Tobias Frisch.

Dies ist für Innungsmeister Jörg Schürer das Wesentliche: "Die Produkte aus unseren Bäckereien sind handgemacht, selbst gemacht und regional - das ist er Unterschied zu Industrieware." Digitalisierung sei selbstverständlich ein Thema, dem sich die Branche stellen müsse: "In welcher Art und welchem Umfang, entscheidet jeder Meister selbst." Auch in seiner Backstube werde mit Hilfe digitaler Rezepte gebacken: "Das ist inzwischen für viele gängiges Arbeitsmittel." Bargeldlos bezahlen kann man in Schürers Filialen bisher nicht - aber in einigen anderen vogtländischen Bäckereien sei dies ebenfalls möglich.

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