Der Schuh auf der Autobahn: Was Reisende alles verlieren

Die A 72 ist jetzt 80 geworden. Wer an ihr wohnt, auf ihr fährt und auf ihr arbeitet, kann Geschichten erzählen. Eine ist die der Straßen-Schuhe.

Plauen.

Täglich schickt Dirk Jöchel die "Stramot" los. Das sind die Männer, die die Autobahn nach Mängeln absuchen. "Straßenkontrolle motorisiert" heißen sie korrekt. Jöchel, Chef der Autobahnmeisterei Plauen, bekommt immer wieder Schuhe auf den Hof geliefert. Sandalen, Wanderschuhe, Badelatschen, Turnschuhe. Manchmal ist ein Stöckelschuh dabei, manchmal ein Kinderschuh.

Die Sachen haben seine Kollegen auf der Autobahn aufgelesen. Es gibt viele Fantasien, wie die Schuhe dort gelandet sind. Zum Beispiel den Mythos des Beifahrers, der während der Fahrt seine Füße aus dem Fenster hängt. Im Internet beschäftigen sich diverse Diskussionsplattformen mit diesen Straßen-Schuhen. Dort findet sich auch die Theorie, dass die Leute sie einfach aus dem Fenster schmeißen. Vielleicht, weil ihr Geruch zu intensiv ist. Oder dass sie Überbleibsel von Unfällen sind. Die Comedy-Gruppe "Eure Mütter" philosophiert minutenlang über diese Schuhe, die immer Einzelstücke sind, und fragt, warum es im Radio nie Durchsagen gibt wegen herumliegender Schuhe. Analog der Warnungen "Gefahr durch Reifenteile auf der Fahrbahn."

Laut Dirk Jöchel von der Autobahnmeisterei ist der verlorene Schuh am Fahrbahnrand ein männliches Phänomen. Damit sieht's in der Wirklichkeit anders aus als in Märchen, in denen verlorene Schuhe vorkommen. Für Jöchel ist ihre Herkunft eindeutig: Sie stammen von Fernfahrern. Die Männer wechseln ihre Schuhe, wenn sie Pause machen, sagt der Autobahnmeister.

Beim Fahren sind offene Schuhe beliebt, in den Pausen zum Toilettengang schlüpft man in feste Treter. Die Wechselschuhe landeten beim Ein- und Aussteigen auf dem Trittbrett oder auf dem Tank und werden dort vergessen, so Jöchel. Und von dort stürzen sie früher oder später ab. Erst der eine, dann der zweite Schuh. In der Autobahnmeisterei existiert ein Müllpresscontainer. Dort endet die Geschichte der verlorenen Schuhe.

Die "Stramot" fährt bei ihren Touren entlang der Autobahn 72 aber nicht nur Schuhe ein. "Bei uns rufen die Leute an, weil sie ihr Portmonnee oder die Tasche vermissen", erzählt eine Mitarbeiterin der Meisterei, die meistens die erste am Telefon ist, wenn Anrufe aus der Bevölkerung kommen. Mobiltelefone, Brieftaschen und Rucksäcke sind nach Einschätzung des sächsischen Verkehrsamts in Dresden die häufigsten Dinge, die verloren gehen. Auch sie landen in der Pause gelegentlich auf dem Dach und werden vergessen.

Daneben sammelt die Meisterei Schrott von den Parkplätzen. "Die Kollegen hatten es in letzter Zeit häufig mit Bauschutt, Gartenmöbeln und leeren polnischen Gasflaschen zu tun", sagt Isabel Siebert, Sprecherin des Landesverkehrsamts. Ebenfalls immer wieder unter Fundstücken: Getränkeflaschen, die mit Urin gefüllt sind. Wenn die "Stramot"-Männer ihre Fundstücke zur Meisterei fahren, erinnert das hin und wieder ans Trödelstübchen. Sie entladen Reifen und komplette Räder. Auch Autos finden sie, die herrenlos auf Parkplätzen stehen. Die Fahrzeuge sind defekt und werden einfach stehen gelassen.

Jöchel lässt seine Kollegen die Fundstücke neuerdings sammeln. Am 22. September ist Tag der offenen Tür in der Plauener Autobahnmeisterei. Dann können sich die Besucher das Ganze selbst anschauen.

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