Die letzte Antwort

Heute vor vierzig Jahren setzte in der Falkensteiner Heilig-Kreuz-Kirche ein Pfarrer seinem Leben ein Ende. Er übergoss sich mit Benzin und zündete sich an - während des Gottesdienstes. Über die Gründe für diese Tat ist lange geschwiegen worden. Der Fall wirkt bis heute nach.

Falkenstein/V..

Auf dem Friedhof gilt irdisches Zeitmaß. Die Ruhestätte des Falkensteiner Pfarrers Rolf Günther in Wittgensdorf bei Chemnitz wurde still und leise eingeebnet, zwanzig Jahre nach seinem Tod. Der Pfarrer war ehelos, eine Verfügung zur Grabpflege gab es nicht. Es war der einzige Ort, an dem der Name dieses Mannes nach seiner Tat öffentlich zu lesen war.

Dass es in Falkenstein keinen Erinnerungsort geben soll, entspricht dem überwiegenden Empfinden in der Kirchgemeinde, wenn man dem heutigen Pfarrer glauben darf. "Eine Gedenktafel birgt die Gefahr, ihn zum tragischen Helden zu machen", sagt Eckehard Graubner, Jahrgang 1967, der seit 2010 seinen Dienst in Falkenstein versieht. "So etwas träfe nicht die Situation, es würde der Tragödie nicht gerecht." Günthers Tat, im Kern, sei ein unverantwortlicher Selbstmord gewesen. "Mit einer Gedenktafel tun wir uns schwer."


Günthers Tat. Sie teilt die Erinnerung der Zeitzeugen in Falkenstein in ein Davor und ein Danach.

"Wir haben Rolf Günther als sehr zugänglichen, hingewandten Menschen erlebt", berichtet Gabriele Hannemann, die in den 1960er-Jahren zur Jungen Gemeinde stieß und seit 1971, also fast fünf Jahrzehnten, dem Kirchenvorstand angehört. "Mein Konfirmationsjahrgang, 1966, ist ein sehr starker Jahrgang gewesen, allein in meiner Schulklasse gab es zehn Konfirmanden. Pfarrer Günther, wir nannten ihn Gü, kam 1968 nach Falkenstein. Er machte bei uns die Jugendarbeit, und ich glaube, wir sind für ihn wie eine Familie gewesen."

Günther war damals 31 Jahre alt. Nach seinem Vorstellungsgottesdienst in Falkenstein hatte der Kirchenvorstand einstimmig für ihn votiert. Besonders für die Jugend nahm Günther sich viel Zeit, spielte Gitarre, kochte, diskutierte. Er war handwerklich begabt, und er scharte einen speziellen "Fankreis" junger Außenseiter um sich. Keine, die "zerrammeln und kaputtmachen", sagt Frau Hannemann. Sondern eher Suchende, aus nichtchristlichen Elternhäusern, die am Rand der sozialistischen Gesellschaft standen.

Es gab viel Gesprächsstoff in der Jungen Gemeinde. Die Kirche in der DDR hatte einen schweren Stand. In Falkenstein war die christliche Gemeinde fester verankert als anderswo. Die Erfahrung des Kirchenkampfes während der Nazizeit, zwischen Hitler-treuen Deutschen Christen und oppositioneller Bekennender Kirche, der hier sehr erbittert ausgetragen wurde, schmiedete die Gemeinde nach dem Krieg zusammen. Noch heute gehören etwa 30 Prozent der Falkensteiner einer christlichen Gemeinde an - mehr als im Durchschnitt der Ost-Bundesländer und wohl auch der Landeskirche, vermutet Pfarrer Graubner. Geprägt ist die lutherische Gemeinde von einer speziellen Form evangelischer Frömmigkeit.

Die menschlichen und theologischen Konflikte, die Pfarrer Rolf Günther in den 1970er-Jahren in Widerspruch zu seinen Amtsbrüdern, zum Kirchenvorstand und schließlich auch zur Landeskirche setzten, waren in den vergangenen Jahrzehnten Gegenstand mehrerer Veröffentlichungen und erregter Debatten. 1998 legte die Falkensteiner Kirchgemeinde eine Darlegung des Falles "Aus unserer Sicht" vor, die auf Anfrage ausgereicht, aber nicht öffentlich vertrieben wurde. Den zugleich gründlichsten wie umstrittensten Beitrag, wegen seiner klaren Parteinahme, leistete der frühere Zwickauer Dompfarrer und Historiker Edmund Käbisch, der seine Recherchen im 300-Seiten-Buch "Das Fanal von Falkenstein" zusammenfasste. Laut Käbischs Darstellung wurden Konflikte in der Kirchgemeinde durch feindselige Handlungen gegen den Pfarrer verschärft und durch eine zu passive Haltung der Landeskirche ins Extrem getrieben. Edmund Käbisch engagiert sich bei D.A.V.I.D., einem Verein gegen Mobbing in der Evangelischen Kirche. Die damalige Vereinsvorsitzende schrieb das Vorwort zu seinem Falkenstein-Buch.

Rolf Günther war seinerzeit einer von drei Pfarrern in Falkenstein. "Er wäre sicher ein guter Pfarrer für eine einzige Pfarrstelle gewesen", sagt Gabriele Hannemann aus heutiger Sicht. Im Gespann mit seinen beiden Amtsbrüdern habe es nicht funktioniert. So offen Günther mit den Jugendlichen umging, so verschlossen sei er gewesen, wenn es sich um seine eigenen Probleme oder Konflikte in der Gemeinde drehte. Es gab menschliche und theologische Kontroversen, "aber nichts, was nicht im Gespräch hätte geklärt werden können", glaubt Gabriele Hannemann. Im internen Bericht "Aus unserer Sicht" heißt es: "Immer wieder machte er uns Sorgen." Rolf Günther mag es genau umgekehrt empfunden haben.

Der Kirchenvorstand, dem Frau Hannemann damals angehörte, ging zu Rolf Günther auf Distanz. Im Sommer 1978 wurde seine Versetzung auf eine andere Pfarrstelle durch das Landeskirchenamt eingeleitet. Die Entscheidung war bereits gefallen, als Rolf Günther zum letzten Mal vor die Gemeinde trat.

An jenem Sonntag, dem 17. September 1978, hielt sich Gabriele Hannemann wie beinahe der ganze Falkensteiner Kirchenvorstand bei einer Rüstzeit außerhalb der Stadt auf. Etwa 300 Gläubige waren zum Gottesdienst erschienen. Der Kirchenchor aus Friedrichsgrün bei Zwickau war zur Mitwirkung angereist. Nach dem Lied "Wir glauben all an einen Gott" wurden die Kinder ins Gemeindehaus geführt. Pfarrer Günther begab sich in die Sakristei - wie sich herausstellte, um sein Obergewand in Benzin zu tränken.

Als der Pfarrer mit zwei großen Milchkannen wieder vor dem Altar erschien, glaubten viele noch an ein Anspiel zur Predigt. Günther schüttete den Inhalt der Kannen - je 20 Liter Benzin - über dem Altarteppich aus und breitete die Arme, sodass der Talar an den Altarkerzen Feuer fing. Kurz darauf setzte eine Stichflamme den gesamten Altarraum in Brand. Ein anlaufendes Tonband und ein sich im Kirchenraum entfaltendes Transparent, die Teil von Günthers Inszenierung waren, fielen in jenen Minuten des Schreckens nur wenigen Besuchern auf. Feuerwehrleute hörten vom Tonband einen Predigtext.

Ein Freund, der einzige anwesende Vertreter des Kirchenvorstands, habe den brennenden Mann noch zu retten versucht, heißt es in den Akten. Wie durch ein Wunder kam außer dem Urheber selbst niemand zu Schaden. Es gibt viele Menschen in Falkenstein, die darin heute eine göttliche "Bewahrung" sehen.

"Eine unauflösliche, menschliche Dramatik, die nicht einzelnen Personen schuldhaft anzurechnen ist", so blickt der heutige Pfarrer Graubner auf das Geschehen. "Auch Pfarrer Günther hatte Menschen, die hinter ihm standen. Damals gab es keine Lösung. Ich glaube, dass wir heute andere Instrumentarien zur Bewältigung solcher Konflikte in der Kirche haben."

In Falkenstein gebe es noch immer "unterschiedliche Erfahrungen und Wahrnehmungen" zu Günthers Tat, sagt Graubner. "Die Aufarbeitung in der Gemeinde begann zusammen mit der Landeskirche am Tag der Beisetzung. In Buß- und Gebetsstunden versuchte die Gemeinde, das Geschehen zu fassen und zu verarbeiten. Der Staat schaltete sich mit seinen eigenen Interessen und Befürchtungen ein. Es gab Vernehmungen und Schweigegebote. Vielen Gemeindegliedern fiel es auch später schwer, darüber zu reden."

Edmund Käbisch führte Ende der 1990er-Jahre Akten an, aus denen hervorgeht, dass Vertreter von Staat und Kirche den Umgang mit dem Vorfall einvernehmlich regelten. Zwei Jahre vor Günther hatte sich der Pfarrer Oskar Brüsewitz in Zeitz aus Protest gegen den Kommunismus verbrannt. Der Fall hatte den SED-Staat, der sich gerade zum anerkannten Akteur auf internationaler Bühne aufschwang, weltweit in Misskredit gebracht.

Diesmal lag der Konflikt im innerkirchlichen Bereich. Die DDR-Staatssicherheit nutzte den Vorfall, um die Gemeinde zu spalten und zu infiltrieren. Die "Freie Presse" als SED-Bezirksorgan berichtete schon am nächsten Tag über die "Brandstiftung durch den diensttuenden Pfarrer G." Der Historiker Käbisch hat sich ein Wort des damaligen Landesjugendpfarrers und späteren Landesbischofs Volker Kreß zu eigen gemacht. Der schrieb 1978 empört an die Synode, Günther liege "vornehmlich vor der Tür der Kirche", so wie Brüsewitz "vornehmlich vor der Tür des Staates" gelegen habe. An Kreß' Formel hält Käbisch bis heute fest. "Ich sehe nicht, dass die Aufarbeitung beendet ist", sagt Käbisch.

In Falkenstein seien die Kontroversen um Günther heute kein Thema mehr, das die Gemeinde spalten würde, sagt Pfarrer Eckehard Graubner. Es gebe "unterschiedliche Erfahrungen, die gegenseitig stehen gelassen werden." Einige der damals Hauptbeteiligten leben noch im Ort. "Mehrere Aufarbeitungsschritte haben in der Gemeinde zu einem gewissen Frieden geführt." Vor zehn Jahren, am 17. September 2008, fand in der Kirche zu Falkenstein eine Andacht zur Erinnerung an die Ereignisse statt. Daran wirkten Vertreter des Landeskirchenamtes mit.

Der 1978 verbrannte Flügelaltar des Dresdner Historienmalers Friedrich Gonne wurde nicht wieder hergestellt. Er hätte teilweise restauriert werden können, aber das lehnte die Gemeinde ab. Heute steht ein Kruzifix an der Stelle des Altars. So füllt mehr Licht als früher den Raum.

"Ich hätte mir das alles so nicht vorstellen können", sagt Gabriele Hannemann. "Und ich verstehe es bis heute nicht. Warum er das getan hat, diese letzte Antwort fehlt." Und es wäre nur anders, fügt sie hinzu, wenn Rolf Günther selbst sie gegeben hätte.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    0
    Freigeist14
    17.09.2018

    Was Sie natürlich nicht schreiben ist,das Pfarrer im Ruhestand, Edmund Käbisch in der Landeskirche Sachsen und der Kirche in Zwickau sehr umstritten ist. Von einem missionarischen Eifer ist da die Rede, vom Unwillen ,den Spagat der Kirche im Verhältnis zum SED-Staat nicht differenzieren zu wollen .



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