Die Schattenseite von Professor Schettler

Der Internist mit Weltruhm wird in Falkenstein gefeiert wie kein zweiter. Was dabei unbeachtet bleibt: seine Rolle während und nach der NS-Zeit.

Falkenstein.

In Samtrobe auf goldverziertem Stuhl: Das Foto von 1983 zeigt, wie Gotthard Schettler die Ehrendoktorwürde in Padua entgegennimmt. Dabei sammelte der weltberühmte Spezialist für Herz-, Gefäß- und Stoffwechselkrankheiten die Ehrentitel wie andere Fußballpokale in der Kreisliga. Neun davon wurden dem 1996 in Heidelberg verstorbenen Professor nebst zahlreichen anderen Auszeichnungen zwischen 1973 und 1992 verliehen - in Berlin, Budapest, Montpellier oder Wuhan. Kein Zweifel: "Er ist der berühmteste Sohn Falkensteins", stellt Bürgermeister Marco Siegemund (CDU) fest.

Aber Schettler hat auch eine dunkle Seite. Das zeigen die Forschungen eines renommierten Medizin-Historikers. Von denen will aber in Falkenstein kaum jemand etwas wissen.

Schettler wurde am 13. April 1917 als Sohn eines Lehrers in Falkenstein geboren und verbrachte hier seine Schulzeit. Karriere machte der Mediziner im anderen Teil Deutschlands. Umso größer die Freude im Vogtland nach der Wende: 1992 verlieh ihm die vogtländische Kleinstadt die Ehrenbürgerwürde und seit seinem hundertsten Geburtstag vor ein paar Monaten prangt sein Name in großen Lettern an der neuen Turnhalle am Jahnplatz. Der Verein falkart setzte noch eins drauf: "Gotthard Schettler Hommage", heißt ein fast zeitgleich erschienenes "Denkmal" in Buchform. Vom Bürgermeister über die Bundestagsabgeordnete Magwas bis zur Tochter von Schettlers einstigem Klavierlehrer singen darin alle ein Loblied auf den Mediziner und Wissenschaftler. "Wir wollten Schettlers Verdienste herausstreichen und diese in Verbindung zur Region setzen", sagt Rainer Döhling, einer der Macher von falkart.

Aber ein Teil von Schettlers Geschichte wird ausgespart. Offenbar ganz bewusst, wie Döhling inzwischen einräumt.

Schettler war nicht nur Mitläufer, Schettler war strammer Nazi. 1942 promoviert, gehörte er schon während des Dritten Reiches der gesellschaftlichen Elite an. Er war Mitglied der NSDAP und als Gaustudentenführer in Thüringen in einer Führungsposition. Nach 1945 konnte er sich zu einem der einflussreichsten Männer der deutschen Medizin aufschwingen. Doch offensichtlich nicht zum Wohle aller, wie die Forschungen des Medizinhistorikers Christian Pross zeigen. In "Wiedergutmachung - der Kleinkrieg gegen die Opfer" schrieb Christian Pross bereits 1988: "Obschon Schettler eine Anerkennung der Arteriosklerose als Versorgungsleiden bei Heimkehrern aus der Kriegsgefangenschaft befürwortete, lehnte er gleichlautende Ansprüche von NS-Verfolgten in seinen Gutachten in der Regel ab".

In Falkenstein gilt Schettler als "großer Humanist" (Döhling), Pross zeigt auf, wes Geistes Kind er noch war: Am Beispiel eines 1914 in Hamburg geborenen Mannes, der im KZ schwer misshandelt wurde, skizziert Pross, wie Schettler "die gutachterliche Zerlegung von Organen in verfolgungs- und nicht verfolgungsgeschädigte Anteile" hinbekommt und damit dem Gericht die Grundlage liefert, eine Entschädigung abzulehnen. Kein Einzelfall, denn: "Da Schettler in der Bundesrepublik als der maßgebliche Fachmann galt, hatte seine Haltung in der Arteriosklerosefrage quasi Gesetzeskraft", schreibt der heute 69-Jährige in der vom Hamburger Instituts für Sozialforschung herausgegebenen Publikation. Die Konsequenz: Die meisten Gutachter folgten Schettler und ignorierten anderslautende ausländische Forschungen.

Falkensteins Bürgermeister bezweifelt diese Fakten. "Die Frage ist, wie subjektiv das geschrieben ist", gibt Marco Siegemund zu bedenken. Immerhin sei Schettler Träger des Bundesverdienstkreuzes gewesen.

Auch Christian Pross bekam 2009 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Auf die Frage, ob sich an seinen Einschätzungen etwas geändert habe, entgegnet der Wissenschaftler zuerst: "Es ist begrüßenswert, dass Sie sich mit der Schattenseite von Professor Schettler befassen" und fährt dann fort: "Im Gegenteil." Pross verweist auf seine jüngste Forschungsarbeit, die 2016 in einem Buch zur Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg mündete und in der Schettler abermals eine Rolle spielt. Als es im Zuge der 68er-Studentenproteste den alten Nazi-Professoren in Heidelberg an den Kragen ging, war es laut Pross der gebürtige Falkensteiner, der sich als "Wortführer" entschieden vor die einstigen Verbrecher stellte. Schettler sei die "Personifizierung" des damals in allen Gesellschaftsbereichen immer noch allgegenwärtigen Nazi-Miefs gewesen, er habe in seiner Klinik "regiert wie ein Feudalherr", schreibt Pross.

Und tatsächlich brüstet sich Gotthard Schettler in seiner Autobiografie von 1993 in Nazirhetorik damit, einen der "unangenehmen" Studenten "unschädlich" gemacht und mit einer Kieferfraktur in der Poliklinik abgeliefert zu haben.

Insgesamt ist es schwer, aus Schettlers "Erlebtes und Erdachtes" eine Haltung des Autors zu Deutschlands dunkelstem Kapitel herauszulesen. Namentlich wird darin offenbar jeder erwähnt, der in fünf Jahrzehnten medizinisch irgendeine Rolle spielte. Selten kommt ein Hinweis auf die Nazivergangenheit einzelner Kollegen. Primär beurteilt er sie fachlich. Und so passiert es unter anderem, dass ein Professor für seinen "glänzenden Unterricht" während Schettlers Studienzeit in Jena gelobt wird, obwohl er sich wenig später mit der Seifenherstellung aus menschlichen Fettresten, die offenbar von KZ-Toten stammten, beschäftigte. Letzteres findet man in Ernst Klees "Personenlexikon zum Dritten Reich".

Rainer Döhling von falkart räumt ein, dass man sich doch noch mal umfassender mit Schettler beschäftigen müsste. Für Grußwortschreiberin Yvonne Magwas habe die Initiative von falkart in ihrem Beitrag im Vordergrund gestanden, nebst Schettlers Verdiensten. Sollten sich bezüglich seiner Schattenseiten neue Erkenntnisse ergeben, müsse man weitersehen, sagt sie.


Schettler im Dreiklang

Die Hommage "Gotthard Schettler/ 1917 - 2017" ist im Mai dieses Jahres mit einer Auflage von 2500 Stück erschienen. Herausgeber war die Initiative falkart, die mittlerweile Vereinsstatus hat. Finanziert wurde das 14.000-Euro-Projekt über Spenden- und Stiftungsgelder, unter anderem von der Stadt. Kombiniert ist die Hommage an den Internisten mit Porträts von Künstlern aus der Region und Exkursen in die Architektur. Medizin, Kunst, Architektur - unter diesem Dreiklang will falkart das Großartige, das Falkenstein hervorgebracht hat, herausstreichen.

Die Gotthard-Schettler-Hommage ist in allen "Freie Presse"-Shops im Vogtland erhältlich. Preis: 17,90 Euro. (suki)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...