Drama um gelähmte Schwestern: Eine bleibt allein zurück

Nach stundenlangem Einsatz von Rettungssanitätern, Nachbarn, Notarzt und Betreuer hat eine der Frauen am Dienstag das Haus verlassen. Die zweite weigert sich bisher. Eine dauerhafte Lösung ist weiter nicht in Sicht.

Treuen/Auerbach.

Um die Mittagszeit fährt der Krankentransport über die Berggasse von hinten ans Häuschen der beiden Schwestern heran. Auf der Vorderseite, an der Straße der Jugend, parkt das Notarzt-Auto. Gregor von Wilcke, Betreuer der Frauen und gebürtiger Falkensteiner, telefoniert derweil eifrig vor der Haustür, um eine Lösung für die verfahrene Situation zu finden. Bisher sind Carmen Luzius (63) und Karin Zitterbart (77) rund um die Uhr von einem polnischen Pfleger betreut worden. Doch der macht ab Dienstagabend Urlaub - und seine Agentur schickt keinen Ersatz, weil die Schwestern die letzte Rechnung nicht bezahlen konnten. Wegen ihrer nahezu kompletten Lähmungen sind die Frauen aber ständig auf Pflege angewiesen. Und ins Heim oder ins Krankenhaus wollen sie partout nicht.
Von Wilcke hat zuletzt angekündigt, sie notfalls auch gegen ihren Willen ins Betreute Wohnen nach Halle/Saale (Sachsen-Anhalt) bringen zu lassen, wo er lebt. Dies darf er aber nicht, weil das Gericht ihm die nötige Vollmacht nicht erteilt. Jetzt hofft er auf den Notarzt, schließlich sei "Eigengefährdung" gegeben, wenn die Frauen ohne Hilfe zurückblieben. Es folgen Untersuchungen und lange Gespräche mit den beiden Schwestern. Halle kommt für sie überhaupt nicht in Frage, im Vogtland und der Umgebung hat von Wilcke zunächst nichts gefunden. Am Dienstag bekommt er eine Zusage für Betreutes Wohnen in Unterheinsdorf - doch das Zimmer kann erst in einigen Tagen bezogen werden. Was tun bis dahin? Erwogen wird eine kurzzeitige Einweisung ins Klinikum Obergöltzsch. "Die Frauen gehen heute definitiv raus", verkündet der Betreuer als Zwischenstand der Gespräche. Wenig später zeigt sich, dass es mit Obergöltzsch nicht so einfach wird. Überraschend bekommt der Betreuer ein neues Angebot: Kurzzeitpflege im Pflegeheim "Panoramablick" der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Auerbach. Der Landtagsabgeordnete Sören Voigt (CDU) hat das Angebot vermittelt. Von Wilcke ist froh - allerdings nur kurz. Denn Karin Zitterbart, die ältere Schwester, will jetzt doch nicht raus aus ihrem Haus. Sie lässt sich nicht umstimmen, unterschreibt schließlich eine Erklärung, dass sie freiwillig zurückbleibt und das Risiko kennt. Denn am Abend geht der polnische Pfleger endgültig - dann bleibt sie allein und ohne jegliche Hilfe zurück.

Der Betreuer begleitet Carmen Luzius, die jüngere Schwester, ins Awo-Heim nach Auerbach, kümmert sich um die Formalitäten. Bis Mittwochabend ist dort auch ein Platz für Karin reserviert. Der Betreuer will am Mittwochmorgen nach ihr schauen und hofft, dass sie dann nachkommt. Von Auerbach soll es ins Betreute Wohnen nach Unterheinsdorf gehen. Der Betreuer betont: "Zielstellung der Frauen ist: Sie wollen zurück in ihr Haus. Ob das klappt, hängt vom Gericht ab."

Die Schwestern haben mit seiner Hilfe beim Chemnitzer Sozialgericht ein Eilverfahren gegen den Vogtlandkreis angestrengt: Das Sozialamt soll ihnen wieder die Hilfe zur Pflege zahlen, rund 1000 Euro im Monat.

Bisher lehnt das Sozialamt die Zahlung ab und erklärt: "Der von Karin Zitterbart und Carmen Luzius engagierte Dienst ist nicht als Leistungserbringer von den Kranken- beziehungsweise Pflegekassen anerkannt, sodass die Qualitätsstandards an die dort angestellten Kräfte nicht gewährleistet werden." Das Amt trage die Verantwortung dafür, dass die Pflege sach- und fachgerecht erfolge. Die Schwestern wüssten bereits seit dem 6. Dezember 2018, dass der Kreis nicht zahle. Man habe ihnen geraten, Kontakt mit den Pflegeberaterinnen der AOK aufzunehmen - dies sei nicht geschen. Man habe ihnen mehrfach zum Umzug in eine betreute Wohnform geraten.

Dies hat Carmen Luzius bisher strikt abgelehnt: Schon als Kind habe sie meist in Heimen und Krankenhäusern gelebt, sei dort vernachlässigt worden. "Das will ich nicht mehr, wir haben uns hier unser Leben strukturiert, wollen hier bleiben", sagte sie am Montag. Jetzt muss sie einsehen: Sie kann nicht länger im Elternhaus leben - bis auf Weiteres.

Bewertung des Artikels: Ø 4.3 Sterne bei 6 Bewertungen
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    5
    arnoldu
    18.07.2019

    Toll. Ich war 25 Jahre als Krankenpfleger und Fachpfleger für Gerontopsychiatrie tätig. Also habe ich genug professionelle Erfahrung, um mir hier ein Urteil bilden zu können.
    So etwas stures und renitentes Verhalten der beiden benannten Patientinnen mit angeblich Pflegegrad 4 und 5 habe ich noch nicht groß erlebt. Und dieser so überaus fähige Betreuer?
    Wenn für eine Person krankheitsbedingt Eigen- oder Fremdgefährdung besteht, was ja hier überaus offensichtlich aus der beschriebenen Situation für beide Personen der naheliegend derFall ist, dann muss man zur Ermöglichung der hier indizierten Zwangseinweisung in die nächstgelegene geschlossene Klinik für Psychiatrie Amtshilfe von Polizeibeamten einholen.
    Wenn die beiden Schwestern (Luzius und Zitterbart...für's Erzgebirge schon mal sehr außergewöhnliche Namen) es vorziehen, am Sozialwesen der Kranken- und Pflegeversicherung vorbei private Leistungen an einen sicherlich zurecht nicht zertifizieren polnischen Pflegedienstleister zu zahlen, selbst schuld. Einen Pflegegrad 4 + 5 in der ambulanten Pflege aufgrund Personalmangels des örtlichen einheimischen Pflegedienstes abzulehnen, erscheint mir unwirklich. Angebotene Beratung seitens der zuständigen Kassse AOK, wurde ja wie im Artikel beschrieben, vehement abgelehnt. Tolle Leistung, Herr Betreuer!
    Jetzt sollen wieder mal diejenigen Behörden fertig gemacht werden, die das ganze Dilemma angeblich verschuldet haben, auf Kosten von wirklich behinderten Menschen, die mitnichten so eine Medienpräferenz bekommen.



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