Ein New Yorker ehrt einen Falkensteiner

Zwar wurden seine Eltern doch nicht von Alfred Roßner gerettet, dennoch ist ein US-Anwalt ein großer Bewunderer des mutigen Vogtländers.

Falkenstein.

Jeffrey Cymbler zitiert die Zahl aus dem Gedächtnis: 157615. Es sind die Ziffern, die seinem Vater Icek 1943 in den Unterarm tätowiert wurden - in Auschwitz-Birkenau. "Mein Vater war 15, er machte sich älter und überlebte dadurch", berichtet der 60-Jährige am Donnerstag bei seinem Besuch im Falkensteiner Heimatmuseum. "Er hatte Glück." Iceks Eltern und Schwestern nicht: Sie werden kurz nach der Ankunft im Todeslager ermordet. So wie über eine Million andere Menschen, deren "Verbrechen" darin bestand, dass sie Juden waren.

Icek Cymbler kommt während der NS-Herrschaft immer wieder davon: Er überlebt Todesmärsche, übersteht Hunger und Zwangsarbeit in einem Waldlager bei Dachau. Am Kriegsende soll ein Zug die letzten Häftlinge Richtung Tirol bringen, wo die SS sie exekutieren will. Doch der Lokführer lässt die Waggons stehen, als amerikanische Truppen sich nähern. Nach der Rettung sitzt Icek vier Jahre in einem Lager für verschleppte Personen fest. 1949 kommt er nach Amerika. Wenig später zieht ihn die US-Army ein - und schickt ihn nach Deutschland. Auch die Versetzung ins Land der Mörder ist letztlich Glück: Sonst hätte Icek Cymbler in den Koreakrieg ziehen müssen.

Iceks Sohn wird Anwalt in Brooklyn, doch das Thema Holocaust lässt Jeffrey Cymbler nicht mehr los und führt ihn nun auch ins Falkensteiner Museum. Es sei seine "Obsession", sagt er - "Passion", will die Cousine übersetzen, die ihn begleitet. Das trifft es wohl nicht richtig. Jeffrey erforscht die Historie der düsteren Jahre, knüpft Kontakte zu anderen Überlebenden und deren Nachfahren aus der Heimatregion seines Vaters, einem Landstrich namens Zaglebie dicht an Oberschlesien. Bei seinen Recherchen hört er erstmals von einer vogtländischen Stadt namens Falkenstein. Denn aus Falkenstein kommt Alfred Roßner (1906 bis 1943), der im Ghetto der Stadt Bendzin eine Textilfabrik leitete und viele Juden vor den Deportationen rettete. Mit einigen der Geretteten oder ihren Nachfahren ist Cymbler befreundet. "Von Roßner weiß ich seit 25 Jahren", sagt der Anwalt, der regelmäßig auf den Spuren des Holocaust durch Europa reist und sich gegen Judenhass engagiert.

Auch wenn seine Eltern - anders, als zunächst berichtet - nicht von Roßner gerettet wurden, so ist der Mann aus Brooklyn doch ein Riesen-Fan des Falkensteiners. "Der Unterschied zu Schindler ist: Der überlebte und bekam einen Hollywood-Film - Roßner starb und ist fast vergessen." Denn Roßner geriet im Oktober 1943 in die Fänge der Gestapo, wenig später war er tot.

Um so wichtiger war Jeffrey Cymbler der Besuch der Ausstellung über das jüdische Leben in Falkenstein, die sich auch intensiv mit dem Retter befasst. "Ich bin hier, um Roßner zu ehren", sagt der US-Amerikaner. Er ist voller Lob für die von Ralph Ide gestalteten Schautafeln, fotografiert alles ab. Im Film über das Ghetto Bendzin, der im Museum läuft, erkennt er Freunde aus New York wieder. "Ich bin heute sehr glücklich", sagt der Mann, dessen Vater so viel Glück brauchte, um zu überleben.


Kommentar: Zu wenigder Ehre

Er gilt als "Schindler des Vogtlandes": Wie Schindler rettete auch Alfred Roßner in der Nazi-Zeit zahlreiche Juden vor dem Tod, im Gegensatz zu Schindler war er nie in der NSDAP. Seine Menschlichkeit bezahlte er mit dem Leben, seit 1995 wird er in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem als "Gerechter unter den Völkern" geehrt. Doch in seiner vogtländischen Heimat erinnert nach wie vor kaum etwas an den mutigen Retter - bis auf eine Gedenktafel auf dem Falkensteiner Friedhof, die wenige sehen. Bis heute hat es Falkenstein nicht geschafft, einen seiner größten Söhne angemessen zu ehren. Es muss ja keine Straße sein - aber wo ein Wille ist, da findet sich ganz bestimmt auch ein Ort. Eine versteckte Tafel ist zu wenig. Und falls die Falkensteiner es nicht schaffen: Geboren wurde Roßner in Oelsnitz.

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