Eine Bibel-Seite für ein Stück Brot

Weihnachten ist für Rolf Schneider mehr als das Fest der Liebe und Hoffnung - Es erinnert ihn daran, was Menschen Menschen antun können

Weihnachten ist es ganz schlimm, sagt Rolf Schneider. Dann reißt die Erinnerung den 90-Jährigen fort ins sowjetische Speziallager Mühlberg an der Elbe. Dort hat er von 1945 bis zur Auflösung des Lagers 1948 mit 44 Jungs aus Reichenbach und Tausenden anderen Gefangenen auch Heiligabend gelitten - halb verhungert bei Wassersuppe und Singverbot. Als sie freikamen, durften sie nicht darüber sprechen. Gerd Möckel hat sich mit Rolf Schneider über die geraubten Jugendjahre unterhalten.

Freie Presse: Herr Schneider, wie waren die Weihnachtstage in den Lagerbaracken?

Rolf Schneider : So wie alle anderen Tage. Mit Ausnahme von Weihnachten 1945. Da hatten wir noch Hoffnung rauszukommen. Da wurde es ganz still in der Baracke. Jeder dachte an daheim und daran, dass die daheim nicht wussten, wo wir waren. Später waren wir völlig abgestumpft und halb verhungert.

Was gab's zu essen?

Es gab Weihnachten wie jeden Tag früh ein Stück Brot, mittags einen dreiviertel Liter Wassergraupen-Suppe und abends einen halben Liter davon. Wir durften nicht singen, nicht schreiben und nichts spielen, außer Schach. Es durften nicht mehr als drei Leute näher zusammensitzen. Ab 1947 wurde es ganz hart, die Brotration wurde gekürzt. Ab diesem Zeitpunkt starben die Leute wie die Fliegen. Ich bin mehrmals neben Toten aufgewacht. Es gab in einer Woche 167 Tote, drei aus Reichenbach sind auch verreckt und kamen ins Massengrab. Von einer Wassersuppe bis zur nächsten war die Zeit doch so lang. Kein Mensch kann heute ermessen, wie lang das ist.

Die überlebt haben, von was haben die geträumt?

Wir hatten keine Träume, keine Freude. Wir haben immer davon geredet, was wir essen würden. Wir haben auch davon gesprochen, was wir draußen machen würden.

Was haben Sie von der Welt da draußen mitbekommen?

Nichts. Um das Lager war ein Elektrozaun und ein hoher Bretterzaun. Wir haben nur das Hupen der Elbdampfer gehört. Einmal konnte ich eine Frau sehen, weil sie bei der Heuernte auf dem Heuwagen stand und so vom Lager aus zu sehen war. Dieses Bild vergesse ich niemals.

Weil es versinnbildlicht, von was Sie ausgeschlossen waren?

Wir waren Jungs, die im Oberreichenbacher Bad geschwommen sind, die im Wald Tango geübt haben für den Tanz im "Herforder Gasthof". Als ich 1950 heimkam, war ich ein Fremder. Die Jugend war mir geraubt. Wir waren von Antifaleuten verhaftet und zu den Russen gebracht worden, weil wir am Kriegsende ein paar Wochen in einem Wehrertüchtigungslager waren. Aber wir hatten ja gar keine Wahl. Wir waren 16 Jahre alt und halbe Kinder, die büßen mussten für das, was Hitler der Welt angetan hat. Andere kamen ungeschoren davon. Der Anführer der Hitlerjugend beispielsweise wurde nicht verhaftet und hat später die FDJ aufgebaut.

Ihr christlicher Glaube, hat der Ihnen auch über solche Ungerechtigkeiten geholfen?

Im Lager habe ich nicht gebetet. Ich habe es als mein Schicksal angenommen, was mir dort widerfahren ist. Einige hatten irgendwie eine Bibel ins Lager gerettet. Ich hatte keine. Wer eine hatte, konnte eine Bibel-Seite gegen ein Stück Brot tauschen. Die Leute haben sich Goldzähne ausgeschlagen und das Gold gegen Brot getauscht. Es gab ja immer Leute, die besser dran waren. Das Lager war von Russen bewacht und von deutschen Gefangenen verwaltet. Da gab es Posten, da warst du besser versorgt als draußen. Ich hatte später mal das Glück, in der Bäckerei arbeiten zu dürfen. Da hatte ich beginnende Tuberkulose, die 1948 jeder Zweite hatte. Ich habe da ein Brot auf einmal verschlungen und noch Weizenmehl-Suppe dazu. Die Arbeit in der Bäckerei und der Zusammenhalt der Reichenbacher haben mir das Leben gerettet.

Wie war das in der Baracke, was haben Sie all die Jahre gemacht?

Nichts. Wir hatten keine Aufgabe. Bis auf Zählappelle waren wir in der Baracke: Auf jeder Seite 250 Mann, in der Mitte getrennt durch die Klos. Steinfußboden, blanke Bretter als Schlafstätte. Um nicht zu erfrieren, lagen wir wie die Bücklinge. Arbeit gab es nur in den Kommandos. Das Toten-Kommando verscharrte die Toten, dann gab's das Transport-Kommando, das Holz-Kommando für den Ofen der Bäckerei und das Jauche-Kommando. Die verteilten die Jauche auf umliegende Felder. Die bekamen schnell Infektionen und waren zu schwach, die noch wegzustecken. Es war ein Todesurteil, da mitmachen zu müssen.

Wie war das eigentlich, als Sie und die anderen Reichenbacher Jungs verhaftet worden waren?

Man warf uns vor, der Untergrundorganisation Werwolf anzugehören. Immer, wenn ich sagte, dass ich damit nichts zu tun habe, wurde ich angebrüllt: Du lügst. Ich habe dann aus Angst irgendwas unterschrieben. Das war's. Jungs wie wir kamen so massenweise von überall her in Transporten ins Lager, in das natürlich auch Nazis kamen. Meine Eltern erfuhren erst viel später, wo ich war. Die vom Jauche-Kommando ließen auf den Feldern kleine Kassiber mit Informationen fallen, die später von Frauen und Kindern aufgelesen wurden. In einem Wirtshaus erfolgte dann die Verteilung der Informationen. Meine Familie wusste allerdings nicht, dass ich 1948 bei der Auflösung von Mühlberg ins Lager Buchenwald gekommen war. Dort habe ich den letzten Gefangenen sterben sehen.

Wann ging's nach Hause?

Am 1. Februar 1950. Wir sahen aus wie die Schweine. Deshalb hatten wir neue Sachen für die Zugfahrt bekommen. Von Greiz sind wir Reichenbacher bis nach Hause gelaufen. Ich hatte keine Tränen, ich habe mich nicht gefreut. Das Lager hatte aus mir einen anderen gemacht.

Und dann?

In der DDR mussten wir schweigen. Das war schlimmer als das Lager.

Und danach?

Haben viele geredet. Als einer der letzten fünf Reichenbacher rede ich immer noch, denn so ein Unrecht darf sich nie wiederholen. Es liegt an jedem einzelnen, Unrecht zu verhindern. Die Welt ist voll davon. Man darf nicht wegschauen und nicht weghören.

Wer hört Ihnen zu?

Wenige. Die höflich sind, sagen, sie hätten keine Zeit. Ich liege oft lange wach, denke an die Zeit und die Menschen, dann fließt das Wasser aus meinen Augen. Was Menschen Menschen antun können, dafür gibt es keine Worte.

Was heißt das für Sie?

So sind die Menschen. Eines Tages geht die Menschheit an ihrer Unersättlichkeit kaputt. Nicht heute und morgen; aber eines Tages.

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