"Entartete Kunst" in Ellefelds Gotteshaus

Die Lutherkirche beherbergt ein ungewöhnliches Altarbild und seit kurzem auch dessen Vorgängerbild, das der Kirchenvorstand einst verwarf. Nur dank der Verzögerungstaktik eines Pfarrers überdauerten die Kunstwerke die Nazizeit.

Ellefeld.

Zu Heiligabend bietet sich für einige Stunden die Chance zum Besuch in der offenen Ellefelder Kirche - nach entsprechender Anmeldung und mit der gebotenen Vorsicht, versteht sich. Besucher können dort auch zwei Bilder mit einer ungewöhnlichen Geschichte bewundern. Geschaffen hat sie der Dresdener Maler Otto Lange (1879 bis 1945), der zu den Expressionisten gezählt wird. Der Ellefelder Heimatforscher Horst Teichmann, gerade mit dem Bürgerpreis geehrt, hatte bereits vor sechs Jahren zum Altarbild recherchiert und seine Erkenntnisse im Gemeindeblatt veröffentlicht.

Das Ellefelder Gotteshaus ist 1924 bis 1926 errichtet worden - nach der "Auspfarrung" des Ortes aus Falkenstein. Baumeister war der renommierte Dresdener Architekt Rudolf Kolbe (1873 - 1947). Für die farbige Innengestaltung wurde Otto Lange verpflichtet, die praktische Ausführung übernahm die ortsansässige Malerfirma Groß. Bei der Gestaltung des Kirchenschiffs hat sich Lange laut Teichmann erkennbar am Bauhaus-Stil orientiert. "Als die Kirche am 17. Oktober 1926 geweiht wurde, fehlte jedoch ein Altarbild - und die Finanzen waren aufgebraucht", so Teichmann. Baumeister Rudolf Kolbe habe daraufhin 500 Mark gespendet mit der Auflage, den Auftrag an Otto Lange zu vergeben. Lange malte einen Entwurf in Temperafarben: Christus beim Heiligen Abendmahl, umgeben von elf Jüngern (der Verräter Judas gesichtslos angedeutet, ganz links hinten). "Dieses Temperabild zierte den Altar am Tag der Kirchweihe - als Notbehelf", so Teichmann. Dem Ellefelder Kirchenvorstand habe dieses Bild jedoch nicht zugesagt, es sei ihm "zu modern" gewesen.

Otto Lange malte trotzdem auch das endgültige Altarbild: Christus, Brot und Wein segnend als zentrale Figur, umgeben von elf Jüngern, Judas ist als roter Haarschopf rechts hinten angedeutet. "Aufsehen erregten hier noch mehr die durchgearbeiteten und ausdrucksstarken Gesichter der Jünger: Bauern und Fabrikarbeiter, wie sie aus Ellefeld stammen könnten - angetan mit historischen Gewändern", so Teichmann. Mit diesem Bild habe sich Lange von seinem ansonsten expressionistischen Malstil abgewandt. Experten vermuteten ein "verbittertes Zugeständnis an den konservativen Ellefelder Geschmack".

Wie auch immer: 1929 wurde das Altarbild angebracht. Wenig später geriet es erneut in den Fokus: Die Nazis stuften Langes Bilder 1937 als "entartete Kunst" ein, die Jünger Jesu hätten "Verbrecherphysiognomien" und seien "jüdisch-marxistisch" dargestellt. 1938 ordnete das Bezirkskirchenamt die Entfernung des Bildes an. Diese scheiterte laut Teichmann an der "taktischen Vorgehensweise" des damaligen Pfarrers Müller: "Er weigerte sich entschlossen, das Bild herauszugeben, verzögerte die Beschlussdurchführung immer wieder, auch mit dem Argument, es sei kein Ersatzbild verfügbar und es könne im Ort zu Unruhen kommen." So überdauerte das Bild am Altar das Ende des Krieges.

Auch der abgelehnte Temperaentwurf wurde für die Nachwelt gerettet: Otto Lange schenkte ihn dem Ellefelder Malermeister Ottomar Groß, mit dem er seit der gemeinsamen Arbeit in der Kirche befreundet war. Bei ihm zierte das Bild seitdem das Wohnzimmer, bis die Familie es 2017 an die Kirchgemeinde übergab. Diese ließ es restaurieren - jetzt hängt es im Gotteshaus direkt gegenüber dem Altarbild, über dem Haupteingang. Ihm gefalle der Temperaentwurf sogar besser als das Altarbild, gesteht Pfarrer Eckehard Graubner: "Es wirkt freundlicher, nicht so streng."

Heiligabend ist die Ellefelder Lutherkirche 15 bis 18 Uhr offen, mit Musik, Krippenweg und der Lesung der Weihnachtsgeschichte jede halbe Stunde. Kurze Wartezeiten seien wegen des begrenzten Platzes möglich. Um eine bessere Koordination und schnellere Kontaktdatenerfassung zu gewährleisten, wird um eine telefonisch Anmeldung im Pfarramt bis zum 22. Dezember gebeten unter 03745 5261.

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