Erinnerung an Flucht bleibt wach

"Lesestunde auf dem Kanapee" hört sich gemütlich an. Das schließt nicht aus, dass in der Veranstaltungsreihe des Heimatvereins Reumten-grün auch ernste Themen zur Sprache kommen.

Reumtengrün.

Denkt Herbert Gall an seine Kindheit, werden schmerzvolle Erinnerungen wach. Als knapp Siebenjähriger wurde ihm und seiner Familie die Heimat genommen. "Innerhalb von 30 Minuten mussten wir unser Haus mit nur 20 Kilogramm Gepäck verlassen", erzählt er. Mutter, Großeltern, zwei noch jüngere Brüder wurden in offene Kohlewaggons gepfercht, in Zittau ausgeladen und gemeinsam mit vielen anderen Sudetendeutschen ihrem Schicksal überlassen. Sich irgendwie über Wasser halten, hieß fortan die Devise. Sein Heimatstädtchen Freiheit auf tschechischer Seite des Riesengebirges sollte er nicht so bald wiedersehen.

Erlebnisgeneration tritt ab

Vorgestern berichtete Herbert Gall zur gut besuchten "Lesestunde auf dem Kanapee" - einer Veranstaltungsreihe des Heimatvereins Reumtengrün - über Flucht, Vertreibung und Heimat. Bewusst klammerte der Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen im Vogtlandkreis (BdV) aktuelle Flüchtlingsbewegungen aus. Das sei etwas völlig anderes als jene Entwurzelungen und Verluste nach dem Zweiten Weltkrieg, betonte Gall. "Es ist nicht einfach, das eine oder andere in der Erinnerung wieder wachzurufen", kehrte Herbert Gall zum eigentlichen Thema zurück. Und doch stellt er sich dieser Herausforderung immer wieder. Und mit ihm 350 Frauen und Männer im Landkreis, die ebenfalls der sogenannten Erlebnisgeneration angehören. Ihre Zahl hat in den letzten Jahren dramatisch abgenommen. Zur Gründung zählte der Verein 3500 Mitglieder. "Wir sind quasi der einzige im Landesverband, der noch aktiv arbeitet", erklärte der 1993 nach Reumtengrün gezogene promovierte Ingenieurwissenschaftler.

Projekte an Schulen und Museen

Herbert Gall teilt das Schicksal von zwölf Millionen Menschen, die ihre Heimat zwischen Ostpreußen und Ungarn zwangsweise verlassen mussten. "25 Prozent der Westsachsen waren Vertriebene", schaute er auf die Nachkriegszeit zurück. Sie und ihre Erfahrungen rückt der Verein auf verschiedene Weise in den Fokus. Neben internen Festivitäten und Tagen der Heimat will man insbesondere junge Menschen informieren. "Das Interesse ist da", freut sich der Reumtengrüner. An die 30 Schulprojekte zum Thema Vertreibung und Integration haben Herbert Gall und sein Verein bislang vogtlandweit angeschoben. Hinzu kommen Ausstellungsbeteiligungen in Museen des sächsischen und bayerischen Vogtlandes.

Auch eine andere Entwicklung nimmt Herbert Gall mit Freude auf. "Die Beziehungen zu unseren Heimatländern sind intensiver geworden", berichtete er. "Besonders zur Tschechischen Republik. Die neue Generation denkt nicht mehr in den Kategorien der Benes-Dekrete. Das ist ihre Heimat."

www.reumtengruen.de

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