Frau Röder und ihr Konsum

36 Jahre hat Ursula Röder die Verkaufsstelle auf dem Gelände der Rodewischer Psychiatrie geleitet. Patienten, Rodewischer, Personal: Alle haben bei ihr eingekauft. Bis 1993.

Rodewisch.

Eine Frau winkt. "Ursel, grüß dich", ruft sie. Ursula Röder bleibt stehen, schwatzt kurz, lacht, geht weiter. Sie kommt nicht weit. Alle paar Meter bleibt sie stehen auf den schattigen Wegen zwischen den gelben Backsteinhäusern. Die Rödersursel, wie sie die Rodewischer nennen, ist bekannt. 36 Jahre lang hat sie die Konsum-Filiale auf dem Gelände der Psychiatrie geleitet. Ein halbes Leben lang, ein ganzes Arbeitsleben.

Rodewischer und Krankenhausmitarbeiter waren Ursula Röders Stammkunden. Ärzte, Pfleger und Patienten. Die Preise waren überall gleich - die DDR-Mangelwirtschaft auch. Und so war Ursula Röders Konsum Schnittstelle zwischen Klinik und Außenwelt. Bis er aus der Zeit fiel.

Ursula Röder ist auf dem Weg zum Treffen ehemaliger Krankenhausmitarbeiter. Zuvor aber macht sie einen Abstecher. Vor einem der gelben Häuser bleibt die 82-Jährige stehen, stapft über die Wiese um eine Ecke. Zweige streifen das hochgesteckte weiße Haar. Sie späht durch ein Fenster knapp über den Grashalmen. Da unten im Keller war die Verkaufsstelle, 1957 hat sie dort angefangen. Die steile Kellertreppe hinunter mussten die Waren transportiert werden. "Die schweren Sprudelkästen mit 50 Flaschen", sagt Ursula Röder und lacht. Fast 20 Jahre lang arbeitete sie im Keller, im Licht der Neonröhren. Mitte der 1970er Jahre zog der Konsum ins Erdgeschoss des alten Maschinenhauses.

"Es waren schöne Jahre", sagt die alte Dame. Halb nachdenklich, halb belustigt erinnert sie sich. Ihr Mann, gelernter Schlosser, war technischer Leiter in der Psychiatrie, ihr Vater Pfleger. Die Mutter hütete die drei Enkel. Sie wohnten nah am Klinikgelände. In ihrem Konsum verwaltete Ursula Röder die Mangelwirtschaft, so gut es eben ging. Legte Südfrüchte für ihre Stammkunden weg. Rationierte Mandeln, damit sie für möglichste viele reichten. Gab ihrem Mann Wernesgrüner Bier mit, das er gegen Autoteile tauschte.

Ihre Kundschaft war besonders; die Patienten kamen mit Einkaufszetteln zu ihr, einige hat sie aufgehoben. Kuchen, Cola und Würfelzucker ist auf einem zu lesen. "Nur Alkohol gab's nicht für die Patienten", sagt Ursula Röder. Die waren stolz darauf, selbst einkaufen zu dürfen, ergänzt Kerstin Eisenschmidt, die seit 35 Jahren in der Klinik-Verwaltung arbeitet. Berührungsängste habe es nicht gegeben, sagt Ursula Röder. Stattdessen Karten von den Patienten, zum Geburtstag und zu Weihnachten. Auch die hat sie aufgehoben.

Sie habe gern verkauft, sagt Ursula Röder, in ihrem Konsum zwischen den Welten. Doch nach der Wende, als es plötzlich alles gab, im Überfluss und überall, endete die Zeit der kleinen Läden. 1993 gab die Konsumgenossenschaft die Verkaufsstelle auf. Ursula Röder wollte sie übernehmen, meldete ein Gewerbe an - doch ihrer Mutter ging es schlecht. Die Tochter pflegte sie, bis zu ihrem Tod fünf Jahre später. In den Laden, der dann in ihren Konsum einzog, hat Ursula Röder nie einen Fuß gesetzt. "Ich konnte nicht", sagt sie und schüttelt leicht den Kopf. Er hielt sich ohnehin nicht lange: Gegen die Konkurrenz der Supermärkte kam der winzige Laden nicht an. Heute sei sie froh, sagt Ursula Röder, die sie diesen Niedergang nicht erleben musste.

In den Verkaufsraum im alten Maschinenhaus ist ein Friseur gezogen. Im Keller lagern Akten. Mit Kerstin Eisenschmidt steigt Ursula Röder hinunter. "Du liebe Zeit", ruft sie. "Ich erkenn gar nichts wieder." Dann lacht sie und steigt die Treppe hinauf. Sie will pünktlich zum Treffen der Ehemaligen.

Tag der offenen Tür Zum 125-jährigen Jubiläum gibt es morgen von 10 bis 13 Uhr einen Tag der offenen Tür im Krankenhaus Rodewisch. Führungen starten halbstündlich.

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