Geteiltes Leben: Lokalpolitiker blickt zum 60. auf Wende zurück

30 Jahre vor, 30 Jahre nach dem Mauerfall: CDU-Stadt- und Kreisrat Joachim Otto hat heute Geburtstag. Auf der Feier zum 30. hatte die Hälfte seiner Gäste gefehlt ...

Auerbach.

Joachim Otto ist froh, doch noch am 8. November geboren worden zu sein. Hätte er sich an dem Tag vor 60 Jahren eine Viertelstunde mehr Zeit gelassen, dann wäre es der 9. November geworden - und er kein Sonntagskind mehr gewesen, wie der CDU-Politiker aus Auerbach schelmisch bemerkt.

Der 9. November - er ist 1959 nicht nur ein schnöder Montag, sondern damals schon ein historisch belastetes Datum gewesen: 1848, 1918, 1923, 1938 - der zweite Sproß der Auerbacher Drogisten Karl und Isolde Otto hatte den eigentlichen Geburtstermin mit dem ambivalenten Erbe knapp verpasst, wurde das Datum aber doch irgendwie nie los.

30 Jahre später fiel am 9. November bekanntermaßen die Mauer. Einen Tag zuvor, diesmal ein Mittwoch, wurde Joachim Otto 30 Jahre alt. Drei Tage später sollte die Feier mit Familie und Freunden stattfinden. "Doch nur die Hälfte der Gäste erschien", berichtet der heute 60-jährige Jubilar. Zu groß sei die Angst gewesen, dass die Grenzen doch wieder geschlossen würden. "Wir haben damals heiß darüber diskutiert, ob die plötzliche Freiheit von Dauer ist oder nicht," so Otto. Viele trauten dem DDR-Regime nicht, weshalb sie so schnell wie möglich die Reise in den Westen antreten wollten.

"Dass die Grenzöffnung unumkehrbar ist, das war für mich klar", erinnert sich Otto weiter. Die schnelle Wiedervereinigung habe er aber allein schon wegen der in der DDR stationierten Sowjet-Truppen nicht für möglich gehalten. Doch nach dem 9. November 1989 ging alles Schlag auf Schlag. Und so blickt der Musiker, Unternehmer, Waldparkgeschäftsführer, Stadt- und Kreisrat zu seinem 60. Geburtstag im Jahr 2019 auf eine geteilte Biografie zurück.

Schon Großeltern und Eltern hatten mit dem 1871 in Auerbach gegründeten Familiengeschäft Kreuzdrogerie die vorangegangenen Brüche des 20. Jahrhunderts mitgemacht, der heranwachsende Joachim die Enteignung von 1972 "bewusst als Schlag" wahrgenommen.

Otto, der nach dem Musikpädagogenstudium Mitte der 80er-Jahre doch noch eine Drogistenausbildung absolviert hatte und ins elterliche Geschäft eingestiegen war, erkannte die Chancen. Schnell knüpfte er 1990 Kontakte zu Drogisten im Westen, ließ sich beraten und gab dem Geschäft die entscheidenden Impulse.

Politisch war er schon vor der Wende aktiv: Seit Mai 89 saß er für eine der damaligen Blockparteien, die LDPD, im Kreistag. Aus LDPD und West-FDP wurde die Gesamt-FDP. Später fühlte sich Otto "in der CDU besser aufgehoben", sagt er.

Joachim Otto habe wie kein zweiter die Kommune in den 30 Jahren seit der Wende mitgeprägt, betont Stadtsprecher Hagen Hartwig und holt ein Foto aus dem Stadtarchiv: Joachim Otto bei einer öffentlichen LDPD-Veranstaltung Ende November 89 in Rodewisch. "Damals ging es um die gesellschaftliche Entwicklung im Land", erinnert sich Otto.

Wenn er heute die Wahl zwischen West- und Ostbiografie hätte, würde sich der 60-Jährige wieder für die des "Hybrid-Menschen in zwei Systemen" entscheiden, erklärt Joachim Otto. "Das ist viel spannender." Trotz der Brüche. Doch die Freude über das Erreichte ist nicht ungetrübt: 30 Jahre nach der Wende ist das Land gespalten, auch die CDU. "Das macht mir Sorgen."

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