"Heute fällt man schneller durchs Raster"

Die Handicaps sind sehr verschieden: Körperbehinderte arbeiten in den Göltzschtalwerkstätten ebenso wie psychisch Kranke und geistig Behinderte. Drogen und Burnout verändern die Klientel.

Auerbach.

Carl-Heinz Fuchs gehört zu den Behinderten, die seit dem Start 1993 in den Göltzschtalwerkstätten der Diakonie in Rebesgrün arbeiten. Gestern feierte man dort das alljährliche Sommerfest. "Ich bin der Fuchs", sagt der 60-jährige Falkensteiner lächelnd - von kleinauf ist er vor allem durch Spastiken beeinträchtigt, das Laufen fällt ihm sehr schwer. Trotz aller Probleme habe er zu DDR-Zeiten mit der 10. Klasse die Polytechnische Oberschule abgeschlossen, berichtet er: "Ich war so im Mittelfeld." Danach arbeitete er als Angelernter beim Sachsendruck in Falkenstein, "als Hilfskorrektor", wie er sagt. Dort waren auch seine Eltern tätig.

Nach der Wende wechselte Fuchs zunächst zum Vorgänger der heutigen Göltzschtalwerkstätten, die Polytechnik gegenüber dem Kabelwerk in Dorfstadt. In den Göltzschtalwerkstätten arbeitet er nach wie vor in der Druckerei, die unter anderem Kirchenblätter, Briefbögen, Schreibtischkalender, aber auch die Programme der Nicolaikirche oder der Chursächsischen Philharmonie anfertigt. Hier gefalle es ihm gut, sagt der Falkensteiner, der auch mal am Computer an der Gestaltung der Drucksachen mitarbeitet. Er lebt allein in einem Haus mit Fahrstuhl: "Wenn der mal kaputt ist, gibt es auch ein Geländer." Nachdem sein Vater verstarb und seine Mutter im Pflegeheim lebt, ist er ansonsten auf sich gestellt und fährt per Elektroscooter zum Beispiel in den Supermarkt. Über Barrieren beklagt er sich nicht: "Wo ich nicht rein komme, da fahre ich halt nicht hin."

Als Carl-Heinz Fuchs zur Schule ging, da hatte er einen Klassenkamerad, der ihn führte, weil er sonst leicht stürzte. Für Andreas Müller, den Fachbereichsleiter Werkstätten, ist das bezeichnend: "Damals lief das eben von allein - heute braucht man dafür eine Schulassistenz." In letzter Zeit würden zwar technische und organisatorische Barrieren abgebaut, insgesamt sei die Gesellschaft aber zu DDR-Zeiten vielleicht sogar inklusiver gewesen, meint Müller: "Es wird doch immer stärker selektiert, immer mehr Leistung gefordert, das Wachstum ständig gesteigert." Gleichzeitig würden die Menschen offenbar immer klüger, weil jetzt viel mehr das Abitur schaffen als früher, meint er sarkastisch. Wer nicht mithalten kann, der landet dann manchmal in den Göltzschtalwerkstätten.

"Heute fällt man schneller durchs Raster als damals", sagt Müller. Zunehmend kämen auch Menschen aus dem Maßregelvollzug des Sächsischen Krankenhauses in Rodewisch, die zur Arbeitserprobung in die Werkstätten geschickt werden. Oft handele es sich um Personen mit "herausforderndem Verhalten", was unter anderem mit den Folgen des Drogenkonsums zusammenhänge. Man müsse teilweise 20-Jährigen beibringen, dass sie früh pünktlich erscheinen und dann auch noch grüßen sollten. Aber auch Burnout-Opfer gehörten verstärkt zum Klientel- selbst Leute mit Diplom arbeiteten inzwischen in den Werkstätten der Diakonie.

Von den derzeit 410 Beschäftigten (inklusive 60 in Klingenthal) seien derzeit rund 30 körperbehindert, 80 bis 90 psychisch beeinträchtigt, die übrigen geistig behindert: "Aber viele haben auch eine Doppeldiagnose." Und einigen gelinge tatsächlich der Wechsel auf den ersten Arbeitsmarkt.

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