Hüttels und ihre Musikwerkschätze

Seit 40 Jahren gibt es Hüttels Musikwerke- Ausstellung in Wohlhausen, die mittlerweile rund 100 Exponate umfasst.

Wohlhausen.

Nicht einmal am Geburtstag oder an Wochenenden legt Wolfgang Hüttel (70) die Hände in den Schoss. Entweder die Gedanken kreisen um seine Musikwerke-Ausstellung oder er werkelt unten im Keller. "Sie ist unser Lebenswerk", sagt Wolfgang Hüttel mit Stolz, hat er doch eine weit und breit einmalige Sammlung an mechanischen Musikwerken aufgebaut und sie gemeinsam mit seiner Frau Barbara (74) zu einem musealen Kleinod im Musikwinkel wachsen lassen.

Wolfgang Hüttel sammelt seit 40 Jahren Drehorgeln, Polyphone, Orchestrien, Drehorgeln und andere mechanische Wunderwerke der Mechanik und Musikgeschichte, hat sie gerettet vor dem Verschwinden. Einst standen sie auf einem Jahrmarkt oder Zirkus, auch in Gasthäusern, sorgten dort nach Einwurf einer Münze für Stimmung. Der Wohlhausener kennt aus dem Effeff ihr Innenleben und wie sie funktionieren. Zu jedem Musikwerk weiß er wenigstens eine Geschichte, reichlich gespickt mit Fakten und schnurrigen Ausschmückungen, zu erzählen. Wie er sie in alle - oder die manchmal noch verbliebenen - Teile zerlegte, restaurierte und zusammenfügte, bis die Mechanik wieder 1A funktionierte. Dass ein über 100 Jahre altes Grammophon aus der Dresdener Firma A.C. Rysick wieder so jungfräulich aussieht, als sei es nie kaputt gewesen - nur Optimisten hätten daran geglaubt. Oder der Musikautomat aus dem Jahr 1897 zum Beispiel, der in ein Fass eingebaut ist, von der Figur des Biergottes Gambrinus gekrönt wird und seinerzeit für fünf Pfennig Musik abspielte. Oder die äußerst rare Flötenuhr von 1838, die einst im Rittergut Wohlhausen stand, wieder restauriert wurde und nun zur vollen Stunde wieder ein Mozart-Menuett erklingen lassen kann.

Das Interesse für Technik und Mechanik, zwei rechte Hände für Handwerk und Geschick wurden Wolfgang Hüttel sozusagen in die Wiege gelegt. Beim Großvater in der Geigerbauer-Werkstatt ging er ein und aus. Wenn jemand aus der Nachbarschaft sein Motorrad zerlegte, war er dabei: "Ich habe mit den Augen gemaust. Eigentlich wollte ich Autoschlosser werden, habe dann aber Zupfinstrumentenbau gelernt und später noch Metallbau." Seine Hingabe zu mechanischen Musikwerken entdeckte Wolfgang Hüttel Mitte der 1960er im Musikinstrumentenmuseum: "Dort stand eine Drehorgel. Mich faszinierte, wie vor mehr als 100 Jahren Töne erzeugt werden - zum Teil ohne Strom, selbstspielend mit Lochkarten oder Metallstiften, die abgetastet werden. So ging's los. Damals waren Musikwerke noch halbwegs erschwinglich, weil keiner 'das alte Zeugs' mehr haben wollte. Vor allem Sperrmüll war dabei eine wahre Fundgrube."

Wolfgang Hüttel und seine Frau begannen trotz geringen Einkommens die alten Zeitzeugen zu sammeln, sparten sich Polyphone, Roll-Monicas, Drehorgeln, Orchestrien, Grammophone regelrecht vom Mund ab, lebten nur für ihre Musikwerke-Ausstellung: "1980 haben wir sie aufgemacht. Erst nur in einer Bodenkammer, dann unten im Haus in einem kleinen Raum. Der reichte aber bald nicht mehr aus. Wir haben in den letzten Jahren öfter umgebaut und ausgebaut." Schon zu DDR-Zeiten galt die Hüttel-Sammlung in Wohlhausen als Geheimtipp, erst nach der Wende konnte sie als Gewerbe eingeschrieben werden.

Als Wolfgang Hüttel auf die Rente zuging, stand er vor der Frage: Was wird aus unserem Lebenswerk? Die Antwort gab Sohn Reiner (46) - vor acht Jahren übernahm er und führt seitdem fort, was die Eltern aufgebaut haben: "Ich bin mit den Musikwerken aufgewachsen, habe meinem Vater in der Werkstatt zugesehen, wie er die alten und meistens schrottreifen Musikwerke in ihre Einzelteile zerlegte, wieder herrichtete und zusammenbauen. Später habe ich ihm dabei geholfen. Für mich ist es eine Gewissenssache, dass die Ausstellung erhalten bleibt. Das bin ich meinen Eltern schuldig." Zwar haben sie sich zurückgezogen, stehen aber mit Rat dem Sohn zur Seite, springen ein, wenn er nicht in der Ausstellung sein kann. Außerdem: In der Werkstatt warten noch genügend Instrumente auch auf Wolfgang Hüttels goldene Hände.

Die Musikwerke-Ausstellung befindet sich in Markneukirchen, Ortsteil Wohlhausen, Hauptstraße 10. Sie ist täglich von 9 bis 15 Uhr geöffnet sowie nach Vereinbarung unter Telefon 037422 2069.

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