Kasim soll heimfliegen

Rettungsschwimmer Kasim Atris droht die Abschiebung. Er ist Libanese und arbeitet im Haselbrunner Bad. Ein wertvoller Mitarbeiter, sagt sein Chef. Atris ist nur ein Beispiel, aber kein Einzelfall.

Plauen.

Rote Shorts, rotes T-Shirt, Käppi. So läuft Kasim Atris jeden Tag durch das Freibadgelände in Haselbrunn. Gerade lässt sich ein Junge von ihm verarzten, ihn hat eine Wespe ins Bein gestochen. Kasim Atris, 25, schmiert Salbe darauf, die lindert die Schmerzen.

Kasim Atris ist Rettungsschwimmer. Es ist sein dritter Sommer im Haselbrunner Bad. Er arbeitet 40 Stunden pro Woche, bezieht keine Sozialleistungen und hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Ein Glücksfall, sagt sein Chef. Denn der junge Libanese spricht Arabisch und Deutsch, kann zwischen ausländischen und einheimischen Badegästen vermitteln. Er sei ein Bindeglied zu den Asylbewerbern, sagt Ronny Adler, Geschäftsführer der städtischen Bädergesellschaft. Kasim Atris hat Schwimmkurse für Asylbewerber gegeben. Es wirkte nie so, als sei er einer von denen, die nicht angekommen sind. Jetzt steht ihm das Wasser bis zum Hals.

Kasim soll heimfliegen. Sein Asylantrag ist abgelehnt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat eine Abschiebeandrohung erlassen, die jederzeit vollzogen werden kann. Er ist zur Ausreise verpflichtet und darf, solange er hier ist, den Vogtlandkreis nicht verlassen.

Eine Rechtsanwältin für Asylrecht bearbeitet den Fall jetzt. Ronny Adler hat ein Arbeitszeugnis geschrieben. In seinen Äußerungen hält er sich zurück, sagt, er will nichts gefährden. Aber Kasim mache seine Arbeit gut, weshalb er beizeiten einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekommen habe. Sein Einsatzgebiet: das große Schwimmbad in Haselbrunn. Rettungsschwimmer sind knapp geworden in Deutschland.

Kasim Atris hat wie viele Asylbewerber keinen Pass. Er hätte sich einen ausstellen lassen können in der libanesischen Botschaft, aber das hat er nicht. Als Grund gibt er Angst an: "Dann schiebt man mich noch schneller ab." Aber Atris kann auch ohne Pass abgeschoben werden, sagt Jeannette Haase-Pfeuffer, die solche Geschichten kennt.

Sie ist Projektleiterin eines Programms, das Firmen hilft, Ausländer einzustellen. Arbeitsmarktmentoren nennt sich das Programm und wird auf Initiative des Wirtschaftsministeriums vom Freistaat bezahlt. Es soll helfen, den Arbeitskräftemangel mit Flüchtlingen zu kompensieren. Im Juni war die Linken-Bundestagsabgeordnete Katja Kipping bei ihr, Haase-Pfeuffer hat ihr die Folgen der Abschiebepraxis erklärt. Sie ließ Geschäftsleute zu Wort kommen, die sich beschwerten, weil die Asylbewerber abgezogen werden, die sie eingearbeitet haben, und die inzwischen Lücken schließen in den Betrieben. Seit Anfang September seien vier solche Fälle bei ihr aufgelaufen. Alle vier Männer hätten seit mehr als zwei Jahren Arbeit und unbefristete Verträge. Ein Schweißer und ein Metallbauer aus Afghanistan, ein Industriearbeiter aus Algerien und Kasim Atris. Ihre Asylanträge seien nach Jahren bearbeitet und abgelehnt worden. Damit sind sie ausreisepflichtig. "Alle vier laufen geradlinig und sind voll integriert", sagt Haase-Pfeuffer. Sie hat den Sächsischen Flüchtlingsrat um Hilfe gebeten. Der libanesische Rettungsschwimmer hat in den nächsten Tagen einen Termin in seiner Botschaft in Berlin. Um dorthin fahren zu dürfen, muss er in der Ausländerbehörde einen Antrag stellen. Nur auf Antrag darf er den Landkreis verlassen. In der Botschaft will er sich seine Identität nachweisen lassen und Dokumente besorgen.

"Wer bleiben möchte, braucht einen Pass", sagt Haase-Pfeuffer. Sie will Atris helfen, benutzt Worte wie "Beschäftigungsduldung" und "Antrag auf Ermessen". Hintergrund sei ein neuer Beschluss, der ab Januar greift und mit dem die Behörden über Menschen wie Kasim Atris entscheiden dürfen, sofern sie keine Sozialleistungen beziehen oder straffällig waren.

Seit knapp vier Jahren lebt er in Deutschland. Kam im Oktober 2015 über die Türkei, besuchte eine Cousine und blieb. In seiner Heimat Libanon habe er eine Ausbildung zum Wasserretter gemacht, im Möwenpick-Resort in Beirut die Pools beaufsichtigt und Fitness-Kurse gegeben. Bevor er nach Plauen zog, hatte er eine Stelle im Chemnitzer Umland. Kasim sagt, er kommt schon lange ohne Geld vom Staat aus. "Ich bin ein normaler Mensch."

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