Keiner kommt, um zu bleiben

Die A 72 ist jetzt 80 geworden. Wer an ihr wohnt, auf ihr fährt und auf ihr arbeitet, kann Geschichten erzählen. Heute: Die Vogtland-Raststätten sind für viele Reisende erster oder letzter Halt im ehemaligen Osten. Das weckt Gefühle.

Plauen/Pirk.

In einem Meer aus Asphalt stehen Tische und Bänke wie Inseln. Ein paar Bäume wachsen hier und Rosen; ein Grasstreifen verdorrt in der Sonne. Motordröhnen ertränkt die Stille. Familie Poloczek ist in den Schatten geflohen. Tochter Tabea saugt Elfentrank durch einen Strohhalm, bis Elfe und Einhorn auf dem Kunststoffbeutel Falten werfen. Elfentrank - das ist Zuckerwasser mit einem Hauch Fruchtaroma. "Das gibt's nur ausnahmsweise", sagt Mutter Birgit entschuldigend: Weil quasi noch Urlaub ist. Die Poloczeks sind auf dem Heimweg in ihr Dorf bei Stuttgart. Alle zwei Stunden wird angehalten, und so sind sie hier gestrandet, an der Raststätte Vogtland Nord.

Seit 20 Jahren gibt es die Vogtland-Raststätten an beiden Seiten der A 72. Insgesamt arbeiten dort 80 Menschen, in Bistro, Tankstelle und Café. Betreiber ist die Firma Tank und Rast - wie bei fast allen Raststätten in Deutschland. Auch ihr Schicksal eint alle Rasthöfe: Keiner kommt, um dort zu bleiben.

Ein Rasthof ist weder Start noch Ziel einer Reise. Dafür ist er Raucherinsel, Hundeklo und Pinkelstopp, Imbiss, Tankstelle und Liegewiese, Schlafmöglichkeit, Spazierweg, Sportstätte, Spielplatz, Fernfahrer-Wohnzimmer, Waschraum. Und Umschlagplatz für Lebenswege. Die führen oft in dieselbe Richtung. Fast 29 Jahre nach dem Mauerfall ist die A 72 Transitstrecke für West-Ost-Touristen, wie Birgit Poloczek sie nennt. Die meisten, die hier halten, sind Grenzgänger, vermutet sie: abgewanderte Ostler auf Heimatbesuch. Wie sie selbst.

Mit ihrem Mann und den beiden Kindern hat Birgit Poloczek Urlaub am Grünewalder Lauch gemacht. Das ist ein See in der Lausitz. "Da komm' ich her", sagt die 43-Jährige. Ihre Mutter, 72, wohnt noch bei Lauchhammer im Süden Brandenburgs. Die Stadt hat nach der Wende die Hälfte ihrer 30.000 Einwohner verloren. Mitte der 1990er ist auch Birgit Poloczek "rüber" gegangen. Nach Schulabschluss und Lehre sah es damals trostlos aus für die junge Chemikantin. In Schwaben fand sie sofort Arbeit - und später ihren Mann.

Für viele Heimkehrer sind die Vogtland-Raststätten erster oder letzter Halt im ehemaligen Osten. Das weckt offenbar Gefühle, die sich gut zu Geld machen lassen: Die Tankstellen-Shops sind zur Hälfte DDR-Souvenirläden. Es gibt Pittiplatsch als Kuscheltier, auf Tassen und Schokolade. Knusperflocken und Hallorenkugeln. "Achtung Staatsgrenze", ist auf ein Schild gedruckt. Ein Trabant begrüßt die aus Bayern Kommenden in Vogtland Süd. All das ist beliebt bei den ehemaligen Ostlern, sagt eine Verkäuferin. Auch die Ost-Zigaretten, Cabinet und Co, gehen gut. Für manche sind das Kuriositäten, für andere sind es Erinnerungen.

Ost. West. Das sind Kategorien, die wenig mit Geografie zu tun haben, dafür viel mit den Lebenswegen von Birgit Poloczeks Generation. Sohn Jonas, neun, kann damit wenig anfangen. Den Wachtturm an der ehemaligen Grenze haben ihm die Eltern auf der Hinfahrt gezeigt. Dass es hier mal zwei deutsche Staaten gab, sollen die Kinder wissen, sagt Birgit Poloczek. Aber verstehen können sie es nicht. Die Mutter lacht. Oft ist sie dort lang gefahren, die Übersiedlerin - die Grenze bemerkt sie nicht mehr. So unauffällig verläuft die Nahtstelle, dass manchmal Menschen fragen, ob sie in Sachsen oder Bayern sind, sagt auch die Frau im Raststätten-Café.

Wenn niemand mehr da ist in den alten Heimaten, wird es auch keine West-Ost-Touristen mehr geben, sagt Birgit Poloczek. Bis dahin fahren sie in die Lausitz, wo es wunderschöne Baggerseen gibt. Tabea und Jonas wollen ein Eis. Bekommen sie. Ist ja quasi noch Urlaub. Danach steigt Familie Poloczek ins vollgepackte Auto, winkt, und ist verschwunden.

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