Nach Pogrom vor 80 Jahren: Auerbacher ins KZ verschleppt

Auch im Göltzschtal gehen die Nationalsozialisten am 9. November 1938 brutal gegen Juden vor. Für Harry Levy beginnt an diesem Tag ein Martyrium. Vier Jahre später stirbt er einen schrecklichen Tod. Andere Familienangehörige entkommen mit viel Glück dem Holocaust.

Auerbach/Falkenstein.

Der "Stolperstein" für Harry Levy ist momentan nicht an seinem Platz vor dem Haus Kaiserstraße 19 in Auerbach: Wegen des Fußwegbaus ist die Messingplatte mit den Lebensdaten des NS-Opfers vorübergehend ausgebaut worden. Seit fünf Jahren erinnert die kleine Gedenktafel an den gebürtigen Falkensteiner, der vor 80 Jahren im Zuge des Novemberpogroms ("Reichskristallnacht") ins KZ Buchenwald verschleppt wird. Etwa 30.000 jüdische Bürger, vor allem jüngere und vermögende, treiben die Nazis in ihre Folterhöllen, Hunderte kommen in der "Schutzhaft" um. Harry Levy, damals 34, kehrt nach Monaten mehr tot als lebendig heim nach Auerbach. "Ich bin vom KZ Buchenwald zurück, liege jedoch krank danieder", schreibt er im Juni 1939 an die örtliche Polizei. "Es tut mir leid, deshalb nicht selber vorsprechen zu können." Er beantrage deshalb schriftlich die vorgeschriebene Namensänderung, mit der ihm ein "Israel" als zusätzlicher Vorname aufgezwungen wird. "Bezüglich der Kennkarte bitte ich Sie, sich zu gedulden, bis ich die Straße wieder betreten darf." Die Nazis hatten ihm wegen seiner schweren Entstellungen verboten, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Levys Schreiben ist erhalten geblieben und liegt im Auerbacher Stadtarchiv.

Harry Levy ist der Sohn von Auguste Levy, die in der Falkensteiner Hauptstraße 30 einen Laden mit Haushaltswaren und Spielzeug betrieb. "Wir gehen zum Levy" hätten viele Falkensteiner noch zu DDR-Zeiten gesagt, wenn sie in dieses Geschäft wollten, berichtet Ralph Ide, der die Geschichte der Juden in seiner Heimatstadt intensiv erforscht hat. Der Laden sei 1937 geschlossen worden, also noch vor dem Pogrom. "Die Mutter und die Schwester konnten rechtzeitig nach Südafrika auswandern, doch die meisten Länder nahmen ja nur wenige Flüchtlinge auf."

Harry war nach Ides Recherchen mit einer "arischen" Frau verheiratet, ebenso wie sein Bruder Leonhardt. Von Beruf war er Dekorateur. Nach dem Grauen in Buchenwald habe er sich verzweifelt um eine Ausreise bemüht: "Er wollte nach Südamerika, doch dorthin durften vor allem Leute mit handwerklichen Berufen." Harry Levy habe deshalb in Berlin eine Ausbildung zum Klempner begonnen. Dort läuft der Auerbacher, inzwischen mit dem gelben "Judenstern" gebrandmarkt, einem Nazi-Schlägertrupp in die Arme. Er wird auf offener Straße derart misshandelt, dass er am 27. Oktober 1942 im Jüdischen Krankenhaus in Berlin an den Folgen stirbt. Sein Bruder Leonhardt überlebt knapp: Noch am 15. Februar 1945 wird er ins KZ Theresienstadt verschleppt. Er kehrt zum Kriegsende heim und wandert später mit seiner großen Familie (sieben Kinder) aus.

Wie viele Menschen nach dem Pogrom aus Auerbach verschleppt wurden, dazu gibt es nach Angaben von Archivleiterin Regina Meier keine Unterlagen: "Alles wurde vernichtet." Bekannt ist lediglich, dass am 9. November 1938 uniformierte Trupps im Schocken-Kaufhaus am Neumarkt (heute AWG Moden) mit Eisenstangen wüteten. Auch die Fenster der Schürzenfabrik Wartenberg (Bahnhofstraße 1) wurden eingeschlagen - heute sitzt dort das Stadtarchiv. Beide Unternehmen hatten jüdische Eigentümer.

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