Nachtwächter zieht her über grobe Ochsen und das Vogtland-V

Im Vogtland gibt es spannende Orte, über die in Führungen Bemerkenswertes erzählt wird - die "Freie Presse" nimmt ihre Leser mit auf Entdeckungstour. Heute: Unterwegs mit dem Greizer Nachtwächter.

Laterne, Hellebarde und flotte Sprüche: Nachtwächter Holger Wittig.

Von Petra Steps

"HHört Ihr Leut' und lasst Euch sagen ..." Wenn Holger Wittig diese Worte spricht, dann ist eine Nachtwächterführung in Greiz angesagt. Seit 14 Jahren spielt der aus Weida stammende Greizer diese Rolle, zehn Jahre davon selbstständig.

Wenn er die Nachtwächterkleidung überstreift und die Laterne in die Hand nimmt, dann verwandelt sich etwas im Gemüt des 52-Jährigen, der neben den Nachtwächterführungen tagsüber Touristen durch die Stadt begleitet oder Reisegruppen betreut. "Im Kostüm kann ich blödeln, im zivilen Leben eher nicht so. Dem Nachtwächter nimmt keiner die Späße übel. Ich koste meine Rolle schon aus, um auch über Gott und die Welt herzuziehen", erklärt er. Über die Greizer Welt vor allem, wenn er eine Greizer Gruppe hat, denn als Stadtrat sind ihm auch die Wirrungen der Kommunalpolitik nicht fremd. Und die Greizer Marotten kennt er sowieso.

Die Nachtwächteridee wurde in einer schlaflosen Nacht während der Arbeitslosigkeit geboren. Weil es Holger Wittig das Vogtland und seine Geschichte angetan haben, begann er damals, auf Honorarbasis für die Greizer Touristinformation zu arbeiten. Der Nachtwächter erzählt den Teilnehmern an seinen Führungen nicht blanke Geschichte, sondern Geschichten. Da wird auch kräftig geflunkert, allerdings mit Vorankündigung.

Die Lieblingsgeschichte des Greizer Nachtwächters dreht sich um den Banküberfall in Greiz am 30. November 1990. Die stimmt, auch wenn diese Aneinanderreihung von Missgeschicken unglaublich scheint. Die beiden Täter stellten sie sich so dämlich an, dass ihnen von der Beute kaum etwas blieb. Als erster Kriminalfall aus dem "Wilden Osten" wurde das Kuriosum Gegenstand der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY", der Fall wurde jedoch nie aufgeklärt. Dabei könnten die Delinquenten heute mit dem Nachtwächter lachen: Die Tat ist ohnehin verjährt.

Eine andere Geschichte ist die mit dem V-Kennzeichen. "Immer- noch gibt es Menschen, die glauben, das Vogtland hätte schon vor 1945 ein V-Kennzeichen gehabt. Allerdings war dieses V nur die römische Ziffer fünf der Sächsischen Kreismannschaft Zwickau und hatte nichts mit dem Vogtland zu tun. Die V trugen auch Meerane, Annaberg oder Chemnitz", klärt der Nachtwächter auf. Er betrachtet das Vogtland immer in historischen Grenzen und widmet sich diesem Gebiet in seinen Führungen. "Woher kommen wir, wie fing alles an - und warum sind wir so ein merkwürdiger Menschenschlag, der schon Luther auffiel" - das sind nur einige der Fragen, die nach einem launigen Vortrag klingen und beim Rundgang geklärt werden sollen. Der Reformator soll übrigens in einem Brief an Pfarrer Reimer geschrieben haben, dass er sein reformatorisches Aufbauwerk "wider die vogtländischen Köpf' und groben Ochsen" fortsetzen soll. Bei den Vogtländern erzählt er auch von den beiden prominenten Exemplaren, die mit V und U zu tun haben: Ulf Merbold und unser Siggi. Seine launige Version des Weltraumfluges von Merbold soll sogar dem Astronauten gefallen haben. "Ja, die Vogtländer kommen in den Himmel und wieder zurück. Das soll uns erst einmal einer nachmachen", verkündet er stolz.

Beim nächsten Rundgang durch die Altstadt tritt der Greizer Nachtwächter noch im allerersten Nachtwächtermantel auf, doch der hat das Verfallsdatum längst erreicht. Im Oktober wird der neue Mantel fertig. Er wird genauso aussehen wie der bisherige, denn der Nachtwächter hat sich die Bildmarke beim Patentamt eintragen lassen - dazu gehört auch die Kleidung im Stil des 19. Jahrhunderts. Nach dem großen Stadtbrand 1802 wurde Greiz anschließend wieder aufgebaut.

So geht's zum Rundgang

Wann? Der nächste Nachtwächterrundgang durch die Greizer Altstadt findet am 8. September, 20 Uhr statt. Treffpunkt ist der Eingang zum Unteren Schloss. Einen Rundgang gibt es am 2. November, 19.30 Uhr. Dafür treffen sich die Teilnehmer vor dem Oberen Schloss am Torhaus.

Wie? Kontakt und Buchungen beim Touristikservice Der Greizer Nachtwächter, Holger Wittig, Telefon

03661 648374, mobil 0179 2107842. Die Führungen sind auch individuell für private Gruppen und Reiseveranstalter buchbar, zum Beispiel für eine Weihnachtsfeier. Achtung: Termine in der Vorweihnachtszeit sind sehr begehrt.

Kosten? Erwachsene 5 Euro pro Person, Schüler bis 14 Jahre 2,50 Euro pro Person. Für "Nachtwächterzwerge" bis einschließlich 9 Jahre frei. Dauer: ca. 2 Stunden. (pstp)

www.greiz-tourist.de

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