Neustädter Autor arbeitet Geschichte auf

Mit den Umständen eines Kindsmordes in Schöneck vor 300 Jahren hat Siegfried Martin in Werda vertraut gemacht.

Werda.

Das Neugeborene von Johanna Elisabeth Müller sollte keinen Tag alt werden. Obwohl der Pfarrerstochter der Mord eindeutig zugeordnet werden konnte, entgeht sie einer gerechten Strafe. Doch was war eigentlich gerecht? Damals, vor 300 Jahren? Darauf versuchte Siegfried Martin, Herausgeber des Buches "Der Kindsmord zu Schöneck", zur Lesung am Sonntag in Werda eine Antwort zu finden.

31. März 1715: Pfarrer Müller erfährt von einer Tragödie in seiner Familie. Johanna Elisabeth, eine von fünf Töchtern des Schönecker Geistlichen, soll ihr Kind nach der Geburt umgebracht haben. Dreimal versuchte die 20-Jährige das Kind zu verstecken, und jedes Mal entdeckte es ihre jüngste Schwester - mit mehreren Messerstichen im Kopf. Johanna war indes nicht nur zur Mörderin geworden, sondern auch unehelich schwanger. Über den Vater sei kaum etwas bekannt gewesen, sagte Siegfried Martin.


Dass die junge Frau bis auf einen Hausarrest ungeschoren davon kam, verdankte sie ihrem Status als Pfarrerstochter. "Damit unterstand sie nicht der weltlichen, sondern der geistlichen Gerichtsbarkeit", erklärte Martin. Und die sah keine Folter und Todesstrafe vor. In Verhörprotokollen war weder von Mord noch von Tötung die Rede. Lediglich von Tod.

Schnell sprach sich der Fall in Sachsen herum - bis ganz nach oben. Mit dem Ergebnis, dass sich die Landeskirche um ihr Ansehen sorgte und August der Starke um seine Macht. Im Heimatstädtchen reagierte die Öffentlichkeit zunächst mit Totschweigen und Abwehr, später mit Entrüstung.

Bei der Kindsmörderin sprechen die Akten nicht von Reue. Siegfried Martin beschrieb sie als verzweifelt, innerlich einsam und "wahrscheinlich kaltschnäuzig". Nach einigen Schicksalsschlägen hatten die im Pfarrhaus verbliebenen drei jüngsten Schwestern ein laut Dokumentenlage lockeres Leben geführt. Der Vater versuchte mit harter Hand zu regieren, steckte aber gleichzeitig voller Selbstzweifel. Handelnde Personen zu schmähen oder Dinge zu beschönigen, liege ihm fern, betonte der promovierte Pädagoge im Ruhestand. "Wir sitzen hier nicht zu Gericht."

Das im September 2018 veröffentlichte Buch basiert auf einer Dokumentensammlung von Siegfried Martins Frau Wibke. Die Neustädter Autorin verstarb 2016, bevor sie ihr Material in einem Tatsachenroman aufarbeiten konnte. Mit Material-Stapeln konfrontiert, ließ der 76-Jährige ausgewählte Akten schließlich für sich sprechen und ergänzte sie mit Hintergrundinformationen zum damaligen Zeitgeist.

Das Buch "Der Kindsmord zu Schöneck",erschienen bei Concepcion Seidel, ISBN-Nummer 978-3-86716-178-7 ist im Buchhandel erhältlich. Preis 12,95 Euro.

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