Nostalgie-Kalender vom "Staatsfeind" aus Kreuzberg

Mauerfall 89 Vor 40 Jahren wurde der Falkensteiner Jürgen Putz verhaftet und später ausgebürgert, vor 30 Jahren konnte er erstmals zurück in die alte Heimat. Dieser ist er eng verbunden - auch durch einen riesigen Schatz alter Postkarten.

Falkenstein.

Dass es im Herbst 1979 gerade ihn erwischte, sei wohl Zufall gewesen, glaubt Jürgen Putz (66), Spitzname "Putzi". "Ich habe anderen Leuten auf der Gitarre Biermann-Lieder vorgespielt - das haben zu jener Zeit in Falkenstein viele gemacht", berichtet er am Telefon. Vielleicht habe die Stasi ja gewürfelt, sagt er sarkastisch. Jedenfalls wurde er damals als einziger Falkensteiner verhaftet, außerdem zwei Bekannte aus Oelsnitz und drei aus Plauen. "Staatsfeindliche Hetze" lautete die Anklage, Putz kam in Haft: Erst Kaßberg, dann Cottbus. An eine Ausreise aus der DDR habe er vorher nie gedacht. Im Gefängnis änderte sich das. 1981 wurde er ausgebürgert und aus dem Knast in den Westen gebracht, seitdem lebt Jürgen Putz als Fotograf in Berlin-Kreuzberg. Er wurde mit Einreisesperre belegt - erst zu Weihnachten 1989 konnte er die Familie in der alten Heimat besuchen.

Mit der Vergangenheit dieser Heimat befasst sich Putz in Berlin alljährlich sehr intensiv: Aus historischen Postkarten mit Stadtansichten fertigt er Kalender an, die in Falkenstein verkauft werden. "Ich mache alles selbst, in Handarbeit", so der 66-Jährige. Kompliziert sei zum Beispiel das digitale Entfernen alter Schriftzeichen aus den Druckvorlagen: "Bis 1905 durfte auf der Rückseite der Postkarten nur der Empfänger stehen - deshalb schrieben die Leute auf die Vorderseite, zum Beispiel in den Himmel." Manchmal sitze er zwei Tage daran, solche Zeilen am Computer wegzuretuschieren.

Er hat den Anspruch, alljährlich neue alte Bilder zu veröffentlichen. Zwar kann er aus einem Fundus von 2000 bis 3000 Postkarten schöpfen, doch Nachschub brauche er ständig, berichtet der Exil-Falkensteiner. Postkarten sammelt er seit zwei Jahrzehnten, neue bekommt er zum Beispiel auf Auktionen und über große Internet-Händler. Sein Schwerpunkt ist natürlich Falkenstein, aber auch Ansichten von Treuen, Auerbach und Plauen verschmäht er nicht. Was der konkrete Anlass für ihn war, mit dem Sammeln zu beginnen, kann er nicht sagen: "Auf jeden Fall steckt Heimatverbundenheit dahinter."

"Putzi" fotografiert am liebsten seine musikalischen Idole. Dazu gehören einheimische Bands wie die Klosterbrüder, Gipsy oder Monokel ebenso wie Weltstars - auf seiner Seite präsentiert er Fotos von Carlos Santana, Bob Dylan, Frank Zappa oder Joe Cocker. Gerne macht er natürlich auch Bilder seiner Heimatstadt und plant einen Kalender, in dem alte und aktuelle Ansichten von Gebäuden oder Plätzen nebeneinander platziert sind. Unter der Überschrift "100 Jahre Stadtansichten" hat er derartige alte und neue Fotografien 2006 bereits in einer Ausstellung im Falkensteiner Heimatmuseum gezeigt.

Ihn fasziniert die Entwicklung der Stadt, die sich etwa beim beliebten Blick vom Ellefelder Mühlberg auf Falkenstein gut verfolgen lässt. Eine solche Ansicht ziert auch das Titelbild seines neuesten Kalenders, sie ist noch von Hand gezeichnet. Es folgen drei weitere Variationen im Inneren. Das Nachsatz-Bild findet Jürgen Putz besonders bemerkenswert: Es zeigt die Bannerweihe der Falkensteiner Turner am 2. Mai 1914 - wenige Monate vor Kriegsbeginn. "21 Männer sind zu sehen. Ein zweites Foto der gleichen Turnerriege von 1918 zeigt elf Männer, die das Bild von 1914 hoch halten", schildert er. Zehn seien wohl im Krieg gefallen. Das Foto von 1918 will er vielleicht 2021 veröffentlichen.

Die Postkarten-Kalender von Jürgen Putz sind in der Falkensteiner Schlossstraße in der dortigen Buchhandlung sowie bei Schuh-Ebert erhältlich. In der Buchhandlung gibt es auch vergrößerte Acryl-Ansichten.

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