ÖPNV-Chef geht - wer kommt?

Jahrelang war es Thorsten Müllers Aufgabe, bei Bus und Bahn zu sparen. Vor seinem Abschied konnte er die Kehrtwende einläuten. Dabei setzte der scheidende ÖPNV-Chef auf ein ungewohntes Mittel. Offen ist, wer ihn wann ersetzt.

Auerbach.

Seit einem halben Jahr ist bekannt, dass Thorsten Müller geht. Achteinhalb Jahre war der 49-Jährige Chef des Zweckverbandes öffentlicher Personennahverkehr und des Verkehrsverbundes Vogtland - in Personalunion. Nun wechselt er nach Koblenz, wo er Direktor des Zweckverbandes Schienenpersonennahverkehr Rheinland-Pfalz Nord wird. Noch mal ein Karrieresprung für den Wirtschaftsingenieur, der vor seiner Station im Vogtland Niederlassungsleiter bei der Deutschen Bahn in Leipzig war. Es sei jetzt der richtige Zeitpunkt dafür, sagt der dreifache Vater. Während seiner Zeit im Vogtland pendelte er am Wochenende zu Frau und Kindern, die in Leipzig geblieben waren. Mittelfristig wird die Familie dort ihre Zelte abbrechen.

Doch wer folgt am Sitz des ÖPNV/VVV in Auerbach auf Thorsten Müller? Offiziell ist Müller bis 31. Januar im Amt, vor Weihnachten hatte er mit seinen rund 45 Mitarbeitern Abschied gefeiert. Der Verbandsvorsitzende, Landrat Rolf Keil (CDU), ließ sich mit der Ausschreibung Zeit. Erst am 29. Dezember wurde sie veröffentlicht. Spätestens in einem Jahr soll ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin die Arbeit aufnehmen, heißt es aus der Presseabteilung des Landratsamtes. Bis dahin würden Kathrin Tunger und Sebastian Eßbach - bisher unter anderem als Prokuristin und Projektleiter tätig - die Geschäfte führen.

Damit steht der Bus- und Bahnverkehr im Vogtland in einer entscheidenden Phase ohne klare operative Führung da. Denn bis zum Herbst 2019 gilt es, das neue Busnetz im Vogtland einzuführen. Dies aufzugleisen, war Thorsten Müllers letzter großer Wurf.

Abwanderung und der finanzpolitische Rahmen hatten den Macher jahrelang dazu gezwungen, beim Angebot zu sparen. Dann trafen zwei günstige Umstände aufeinander: Die Busleistungen mussten im Sommer 2018 fürs Vogtland neu ausgeschrieben werden und in Dresden wurde wieder öfter über mehr Geld für die Infrastruktur im ländlichen Raum gesprochen. Müller nutzte mit Votum der Verbandsversammlung die Gunst der Stunde und ließ ein neues Netz entwerfen, das "kundenorientiert und ganzheitlich abgestimmt" künftig wesentlich mehr Vogtländern als aktuell das Auto entbehrlich machen soll.

Thorsten Müller weiß, dass das ein Umdenken in der Bevölkerung erforderlich macht. Deshalb griff er zu einem für den Vogtlandkreis ungewöhnlichen Mittel: Im vergangenen Jahr stellte er seine Pläne öffentlich vor und lud die Bürger zur Diskussion darüber ein. "Vier Infoveranstaltungen und Besuch in 25 Stadt- und Gemeinderäten: Das war super anstrengend, für das ganze Team", räumt der ÖPNV-Mann ein. Aber es habe sich gelohnt. So flossen noch einige Hinweise in die Planung ein. Müller ist davon überzeugt, dass man so Akzeptanz in der Bürgerschaft schaffen kann. "So stelle ich mir das vor." Und das an der Seite eines Landrates, der etwa in Sachen Müllgebühren komplett ohne Bürgerbeteiligung verfahren ist? Müller versichert, dass Keil "immer dahinter gestanden" habe.

Als ÖPNV-Chef muss man ein dickes Fell haben. Der Scheidende berichtet von zahlreichen Anrufen, Briefen, E-Mails, in denen sich Leute bei ihm beschwert hätten - über unpassende Anbindungen, den Zustand der Haltestellen, et cetera. "ÖPNV-Bashing", nennt Müller das scherzhaft und bringt Verständnis auf: Wenn der Zuganschluss in Zwickau nicht passt, sei es dem Betroffenen egal, wie hochkomplex die Gestaltung eines Bus- und Bahnnetzes ist. Wer bei Thorsten Müller wegen Mängeln vorspricht, muss mit der Frage rechnen, ob er nicht helfen wolle, diese zu beseitigen. So habe er in "einem Ausnahmefall" sogar einen Mitarbeiter gewinnen können, berichtet er.

Zu progressiv war Müller indes vorgegangen, als er das Vogtland zur Modellregion für autonomes Fahren machen wollte. Hier war der gebürtige Nordrhein-Westfale zu viele Schritte voraus - die Rahmenbedingungen fehlten. Zum Erfolg ist wiederum der von ihm mit initiierte Bürgerbus geworden - in Lengenfeld, Adorf und Bad Elster. Zwar existiert das Modell ehrenamtlicher Busfahrer auch schon andernorts in der Bundesrepublik, als unkonventionell kann es aber dennoch bezeichnet werden.

Bleibt die Frage, ob ab Oktober 2019 die Busse im Vogtland auch ohne Thorsten Müller nach seinem Plan fahren werden. Das Ausschreibungsergebnis ist seit einigen Wochen öffentlich: Der Plauener Omnibusbetrieb und die Verkehrsgesellschaft Vogtland sind ab kommendem Herbst für den öffentlichen Busverkehr im Vogtland zuständig.

Zur Frage, warum seine Stelle erst jetzt ausgeschrieben wurde, verweist Thorsten Müller auf die Zuständigkeit des Landrates und darauf, dass eine Ausschreibung von der Verbandsversammlung erst abgesegnet werden müsse und es auch deshalb gedauert habe. Das Team müsse nun den Übergang gewährleisten, fährt Müller fort und betont: Ganz, ganz wichtig sei jetzt das Marketing.

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