"Opa, was ist denn ein Ossi?"

Verein Vogtland 89 fordert Informations- und Dokumentationszentrum - Brandschutzamt im Gespräch

Der Plauener Manfred Sörgel (62) vertrat während 1989/90 als Mitglied der "Gruppe der 20" die Demonstranten und organisierte die Massenkundgebungen mit. Aktuell setzt er sich als Vorsitzender des Verein Vogtland 89 dafür ein, mit einer Einrichtung dauerhaft an die damaligen Vorgänge zu erinnern. Bernd Appel sprach mit Manfred Sörgel über die Pläne.

Freie Presse: Herr Sörgel, Ihr Verein Vogtland 89 fordert einen festen Ort der Erinnerung an den Wendeherbst 1989. Reicht denn das Wendedenkmal im Plauener Stadtzentrum nicht aus?

Manfred Sörgel: Nein, es geht ja darum, das damalige Geschehen umfassend darzustellen. Die Erinnerungen verblassen schnell, deshalb sollte ein Informations- und Dokumentationszentrum installiert werden. Damit könnte man die Ereignisse speziell des 7. Oktober 1989 dauerhaft in der Stadtgeschichte verankern - bisher ist das nicht der Fall.

Wo könnte solch ein Ort entstehen?

Am besten wäre natürlich ein authentischer Ort wie das ehemalige Brandschutzamt, wo noch bis heute das Feuerwehrfahrzeug steht, aus dem die Demonstranten mit Wasser attackiert wurden. Die Chancen, dass das gelingt, stehen schlecht - aber ganz habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, solange es kein finales Nein der Stadt gibt.

Mit wem wollen Sie kooperieren, haben Sie Vorbilder?

Ins Deutsch-deutsche Museum nach Mödlareuth kommen jährlich 90.000 Besucher - und das ist ein Dorf. Wenn wir nur einen Bruchteil der Besucher von dort zusätzlich nach Plauen bringen könnten, wäre das toll. Bisher gibt es bei uns zum Thema Teilung und Wende ja nichts zu sehen, außer dem Denkmal in Plauen. Das sollte sich ändern.

Was soll das Zentrum leisten?

Die friedliche Revolution in Plauen und im Vogtland soll dadurch einen adäquaten Platz in Geschichtsbild und Erinnerungskultur bekommen. Es geht um Seminare und die Organisation von Zeitzeugen-Auftritten. Vor allem Kindern und Jugendlichen muss man das Thema nahe bringen. Da gibt es viele Möglichkeiten, viel wird schon getan. Ein gutes Beispiel bietet Eckardt Scharf am Oelsnitzer Gymnasium, der Zeitzeugen der Vertreibungen aus dem Sperrgebiet vor seinen Schülern sprechen lässt. All diese Informationen könnte man im Zentrum bündeln. Bei der Jugendarbeit gibt es in Sachsen großen Nachholbedarf - der Großteil der Schüler, die Mödlareuth besuchen, kommt aus Bayern.

Wie wollen Sie ein solches Zentrum durchsetzen?

Dazu brauchen wir die breite Unterstützung der Vogtländer - schließlich haben damals Zehntausende von ihnen demonstriert und damit Geschichte geschrieben. Daran wollen wir erinnern, wir hoffen, dass die Bevölkerung das auch so sieht und das Projekt unterstützt. Das wird vor allem eine städtische Angelegenheit werden, wir wollen aber auch den Vogtlandkreis mit ins Boot holen. Mit den Landtagsabgeordneten wollen wir ebenfalls sprechen.

Vogtland 89 arbeitet auch an einer Online-Datenbank zur Wende. Wann wird diese fertig sein?

Bis Anfang November soll es klappen. Entstehen wird ein Zeitstrahl zu den damaligen Ereignissen mit Fotos, Texten, Filmsequenzen. Die Rechte haben wir uns gesichert. Es geht dabei nicht nur um Plauen, sondern um das ganze Vogtland - die friedliche Revolution fand ja in vielen Städten statt. Natürlich liegt das Hauptaugenmerk auf Plauen.

Im Rückblick hat der Zusammenbruch der DDR auch zahllose Arbeitsplätze vernichtet, viele Menschen aus der Bahn geworfen ...

Es ist vieles nicht so geworden, wie wir es uns damals erträumt hatten. Es gibt gebrochene Biografien, auch viel Bitterkeit. Anderseits hätten wir ohne friedliche Revolution am Sonntag den 69. Jahrestag eines Spitzelstaates begangen, und ich müsste noch mindestens drei Jahre warten, bis ich als Rentner in den Westen reisen könnte. Das will ich mir auch nicht vorstellen.

Deutschland ist seit 1990 wieder vereint, trotzdem ist die Einheit noch nicht vollendet ...

Da fällt mir eine Episode von einem Familienfest ein: Jemand erzählte einen dieser Ossi-Wessi-Witze - und mein damals achtjähriger Enkel fragte mich: Opa, was ist denn ein Ossi, und was ein Wessi? Da habe ich mich gefreut - denn das wollten wir doch, dass es keine Rolle mehr spielt, ob jemand aus dem Osten oder aus dem Westen Deutschlands kommt.

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