Personalnot und Lieferengpässe: Virus bereitet auch Bauern Sorgen

Zuschließen und die Leute nach Hause schicken, das geht in der Landwirtschaft nicht. Tiere brauchen eine tägliche Versorgung.

Plauen.

Die Landwirtschaftsbetriebe der Region richten sich mit Notfallplänen auf die Coronakrise ein. Während Automobilhersteller oder Freizeiteinrichtungen von einem Tag auf den anderen schließen können, ist das in den Ställen unmöglich. Dort müssen Tiere versorgt werden - und zwar täglich. "Das Personalthema ist derzeit unsere größtes Problem", sagt deshalb Daniel Hirsch, der Vorsitzende des Regionalbauernverbandes Vogtland. "Wenn wir Eltern frei stellen müssen, weil zu Hause Kinder zu betreuen sind, dann ist die größte Sorge der Betriebe: Wer füttert die Tiere?" Er leitet selbst einen Betrieb. "Quarantäne bedeutet für einen Landwirt nicht zwangsweise, dass er zu Hause bleiben muss. Er kann auf Arbeit kommen, wenn er einen Einzelarbeitsplatz hat. Das lässt der rechtliche Rahmen zu. In unserem Betrieb, in der Agrargenossenschaft Am Kuhberg in Coschütz, haben wir fast nur Einzelarbeitsplätze. Der Traktorist sitzt allein auf dem Traktor, der Schlosser ist allein in der Werkstatt. Der sensibelste Bereich ist die Verwaltung", so Hirsch.

Auch Christian Kluge-Sammer, der Vorsitzende der Milchwirtschaft Dehles, sieht vor allem personelle Probleme auf seinen Betrieb zukommen. "Im Notfall heißt das: nur noch füttern und tränken und nur noch die allernotwendigsten Arbeiten erledigen." Während im Moment die Tierversorgung und das Melken die Hauptrolle spielen, kann sich das in wenigen Tagen ändern: "Die Feldarbeit beginnt. Hier sind wir an enge Termine gebunden, die zudem das Wetter beeinflusst. Bis etwa Mitte April müssen wir die Felder bearbeiten, säen, düngen und Gülle ausbringen. Allein die strengen Regeln der Düngemittelverordnung machen es uns unmöglich, Arbeiten zu verschieben. Es kann passieren, dass wir Ausnahmeregelungen brauchen, um den Ablauf der Arbeiten nicht zu gefährden", sagt Kluge-Sammer. "Wenn wir auch künftig regional erzeugte Lebensmittel anbieten wollen, müssen wir in den nächsten Wochen die dafür notwendigen Arbeiten erledigen können."

Das Thema Vorratskäufe geht ebenfalls nicht an der Landwirtschaft vorbei. Jörg Mothes, der als Spezialberater für eine Firma aus Pinneberg in vielen Landwirtschaftsbetrieben der Region unterwegs ist und dort Spezialfuttermittel und Milchpulver verkauft, hat festgestellt: "Viele Betriebe ordern gleich das Doppelte ihrer sonstigen Ration mit der Begründung, im Notfall Futtermittel vorrätig zu haben. Das hat zur Folge, dass die Logistiker kaum mit Ausliefern hinterher kommen." Jörg Mothes hat als Berater noch ein ganz anderes Problem. "Ich muss zu meinen Kunden auf Abstand gehen. Wir sind angewiesen, von zu Hause aus zu arbeiten und die Betriebe nur noch auf Kundenwunsch aufzusuchen." Persönliche Gespräche, das Herzstück einer jeden Beratung, liege damit auf Eis.

Dass Kraftfutter wie Melasse-schnitzel oder Maiskörner nicht mehr unbegrenzt verfügbar sind, hat auch Heiko Hölzel, Geschäftsführer der Marienhöher Milchproduktion Waldkirchen, schon erfahren müssen. "Die einen legen große Vorräte an und wenn dann andere, die das nicht machen, etwas brauchen, bekommen sie nichts."

Lieferschwierigkeiten aufgrund des stockenden Lkw-Verkehrs sind ebenfalls ein Thema. "Ich kenne einen Betrieb, der wartet seit drei Wochen auf seine Düngemittellieferung aus Polen. Warten kann der Landwirt aber eigentlich gar nicht. Der Dünger muss jetzt gestreut werden", sagt Daniel Hirsch.

Einige Probleme dürfte die Bauern erst mit Verzögerungen erreichen. "Sollten Futtermittelwerke geschlossen werden oder Ölmühlen ihren Betrieb einstellen müssen, dann bekommt das auch die Landwirtschaft zu spüren. Viele verfüttern etwa Rapsschrot und andere Nebenprodukte aus der Ölgewinnung", so Hirsch. Auch, dass einer der größten Reifenhersteller, Michelin, alle Werke in Europa geschlossen hat, könnte die Bauern hart treffen. "Spätestens, wenn wir mit den Traktoren und anderen Maschinen wieder auf den Feldern unterwegs sind. Reifen für Landwirtschaftsmaschinen legt sich keiner auf Vorrat hin, weil so einen Reifensatz gleich mal 20.000 Euro kostet. Diese Reifen werden auch nicht auf Vorrat produziert", ahnt Hirsch nichts Gutes.


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 

Coronavirus: Unser Angebot zur Lage in Sachsen, Deutschland und der Welt

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.