Rathaus verschweigt den Rewe-Rückzieher

Wie geht's weiter mit der Nahversorgung im Neubaugebiet? Alles ist offen, sicher ist nur: Rewe verlängert nicht, die Versorgungslücke droht. Die Stadt weiß das seit Wochen. Informiert hat sie jedoch nicht - man wolle niemanden verunsichern.

Auerbach.

Von der Stadt fordere sie "Ehrlichkeit und Transparenz", erklärte Dorothea Wolff am Mittwochabend zum Abschluss der von ihr organisierten Versammlung zum Thema "Versorgungslücke im Neubaugebiet" vor knapp 30 Zuhörern. Und begründete dies gegenüber Patrick Zschiesche und Knut Kirsten als Rathaus-Vertretern: Die Stadtverwaltung habe seit Langem gewusst, dass Rewe den Vertrag für den Markt am Bendelstein nicht verlängert - mitgeteilt habe man dies nicht. Dadurch sei der falsche Eindruck erweckt worden, dass es keine Versorgungslücke zwischen der Schließung des alten Marktes und der Eröffnung eines Neubaus geben werde. Vor diesem Verlust der Nahversorgung fürchten sich viele Bewohner des Neubaugebiets, besonders Ältere und Behinderte.

Bauamtsleiter Zschiesche bestätigte die frühe Kenntnis der Stadt vom Rewe-Rückzieher: Zunächst habe Rewe mündlich eine Verlängerung des Mietvertrags für den alten Markt auf zwei Jahre angekündigt, kurz darauf sei nur noch von einem Jahr die Rede gewesen, dann habe Rewe die Verlängerung komplett gekippt. Inzwischen will das Unternehmen laut Zschiesche auch keinen Supermarkt mehr bauen: Stattdessen verhandele der neue Eigentümer FIM mit der Rewe-Tochter Nahkauf und drei anderen großen Ketten: "Einer wird es machen."


Dass man die Öffentlichkeit nicht informierte, begründete Zschiesche damit, dass man "nicht jede Wasserstandsmeldung" mitteilen müsse. Außerdem würden die Neubau-Bewohner durch solche Nachrichten "verunsichert". Und schließlich müsse man den Datenschutz und die "Rechte Dritter", also der Unternehmen, wahren. Auch Fachbereichsleiter Knut Kirsten verteidigte diese "Informationspolitik" der Stadt: Es sei gut, erst dann zu berichten, wenn alles wasserdicht sei.

Anfang Juli hatte man dies im Auerbacher Rathaus lockerer gehandhabt: Oberbürgermeister Manfred Deckert (parteilos) und Bauamtsleiter Zschiesche teilten damals im Pressegespräch mit, man habe die mündliche Zusage von Rewe, dass der alte Markt erst schließe, wenn der neue öffne. Und an die Fraktionsvorsitzenden des Stadtrats wurde eine Mail verschickt, in der es hieß, nach Telefonaten "konnte eine Verlängerung des Mietvertrags erreicht werden". Für die dadurch entstandenen falschen Hoffnungen übernahmen die Rathaus-Vertreter am Mittwoch allerdings keine Verantwortung - man könne der Presse halt nicht alles glauben, meinte Kirsten stattdessen zur entsprechenden Berichterstattung.

Kirsten und Zschiesche versicherten unisono, das Neubaugebiet sei der Stadtverwaltung genauso wichtig wie das Zentrum. Zschiesche erläuterte das Hin und Her um die Grundstücke am Bendelstein. Das Areal des Versorgungszentrums gehört jetzt FIM, die benachbarten Flurstücke am Feldschlösschen dem Investor Rainer Dorn. Einen Supermarkt bauen wollen beide. FIM hat laut Zschiesche einen gültigen Bauvorbescheid. Den entsprechenden Antrag Dorns hat die Stadt weder bewilligt noch abgelehnt. Laut Bauamtsleiter will man sich damit die Option für einen "Switch" erhalten, falls etwa FIM doch nicht bauen wolle. Dann könne man Dorn den Vorbescheid immer noch erteilen.

Zschiesche geht davon aus, dass FIM im Frühjahr den Bau eines neuen Supermarktes am Bendelstein startet. Dafür gebe es acht Varianten. Im besten Fall werde eine lückenlose Versorgung gesichert: "Das wollen wir." Beim "Worst-Case-Szenario" gebe es 15 Monate keine Nahversorgung. Möglich sei ein kompletter Abriss des alten Marktes ebenso wie eine Erweiterung des Bestandsgebäudes.

Dorothea Wolff und die anderen fünf Mitglieder ihrer AG Versorgungslücke wollen nicht locker lassen und pochen auf regelmäßige Informationen. "Das Licht im Markt darf am 1. Januar nicht ausgehen", bekräftigt Wolff.


Kommentar: Mut zur Wahrheitslücke

Es war ein bemerkenswerter Satz, den Bauamtsleiter Patrick Zschiesche zur Versammlung am Mittwoch äußerte: Man habe den Neubau-Bewohnern in Sachen Versorgungslücke keinen reinen Wein eingeschenkt, weil man sie "nicht verunsichern" wolle. Stattdessen wiegte das Rathaus sie lieber weiter in der falschen Hoffnung, es werde keine Versorgungslücke geben. Natürlich hat Fachbereichsleiter Knut Kirsten recht: Man sollte als Stadtverwaltung nur über Dinge sprechen, die spruchreif sind. Das muss man dann aber auch bei vermeintlich guten Nachrichten so halten. Sonst entsteht der Eindruck, man wolle die Leute zwar nicht verunsichern, aber gern verschaukeln. Dieser Mut zur Wahrheitslücke zerstört Vertrauen.

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 9
    0
    DerKuckuck
    16.08.2019

    Willkommen im Kapitalismus. Was gibts da zu heulen? Die gehn weg, weilse woanders 0,5% mehr rausholen können und der Mietvertrag ausläuft. Mit e weng Glück kommt ein Billigbaumarkt ...

  • 12
    0
    Tauchsieder
    16.08.2019

    Die besorgte Stadtverwaltung, so etwas kann man der Bevölkerung nicht zumuten. Im Privatbereich würde man "Helikoptereltern" sagen, hier kann man dies nur als abgehoben bezeichnen.
    Vielleicht geht die Stadt davon aus, dass der Überbringer schlechter Nachrichten früher geköpft wurde. Wer im Rathaus entscheidet über Nachrichten, die für die Untergebenen zumutbar sind, oder nicht. Hat nicht der Bürger das Recht über Dinge, die ihn unmittelbar und umfassend betreffen, vollumfänglich informiert zu werden?
    Da kommt in letzter Zeit nicht viel Gutes aus dem Rathaus. Erst letztens das Ding mit dem Maschinenteich und dem Investor und Bauamtsleiter und jetzt dieses.
    Wer den Schaden hat spottet jeder Beschreibung.



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