Schauwerkstatt: Wie eine Geige entsteht

Im Vogtland existieren Orte, über die in Führungen Bemerkenswertes erzählt wird. Die "Freie Presse" nimmt ihre Leser mit auf Tour. Heute: die Erlebniswelt Musicon Valley in Markneukirchen.

Ute Kästner in der Geigenwerkstatt der Erlebniswelt Musicon Valley in Markneukirchen.

Von Eckhard Sommer

Am Anfang ist der Baum. Meistens ist es Fichte oder auch Bergahorn. Schön gerade gewachsen muss der Baum sein und dazu in möglichst großer Höhe, weil dann die Jahresringe eng beieinander liegen. Für das Fällen der Bäume ist im Winter die Zeit am optimalsten: Der Baum ruht dann und damit auch der Saftfluss. Wenn das Holz geschnitten ist in keilförmige Teile für die Decken und Böden von Streichinstrumenten, muss es viele Jahre, in manchen Fällen sogar über Jahrzehnte, trocknen, bevor aus ihnen eine Geige, Bratsche oder ein Kontrabass entstehen kann. Es gibt nicht wenige Instrumentenbauer in Markneukirchen und Umgebung, die zehren heute noch von den Vorräten an getrockneten Hölzern, die schon ihre Eltern oder Großeltern vor vielen Jahren wohlweislich angelegt haben.

Am Anfang ist der Baum - mit dieser Bemerkung beginnt in der Regel auch eine Führung durch die Geigen- oder Kontrabass-Werkstatt in der Erlebniswelt Musicon Valley. Erfahrene Instrumentenbauer wie beispielsweise Ute Kästner oder Friederike Philipson haben viel Geduld beim Erklären nicht nur dieser Zusammenhänge, Voraussetzungen und Notwendigkeiten.

Sie kennen sich auch aus in der Geschichte des Instrumentenbaus in Markneukirchen und Umgebung, wissen von der 350-jährigen Tradition zu berichten, lassen Namen, Zahlen und Fakten in die Ausführungen einfließen. Wer weiß das schon als auswärtiger Otto-Normal-Verbraucher? Vor allem aber steht das Instrument im Mittelpunkt der Führungen.

Wer interessiert ist an klassischer Musik, dürfte sich schon oft gefragt haben: Wie entsteht eine wundervoll klingende Geige, ein kraftvoller Kontrabass? Und vor allem: Wann hat der Neugierige schon Gelegenheit, das hautnah zumindest im Zeitraffer mitzuerleben und sich von einem Fachmann oder einer Fachfrau erklären zu lassen? Ihn oder sie mit Fragen aller Art zu löchern und verständliche Antworten zu erhalten? Normalerweise ist es nicht möglich, einem Instrumentenbauer bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Genau das war 2011 auch der Ansatz, weshalb Musicon Valley Schauwerkstätten einrichtete. Als erste eine für Geigenbau. Das Angebot wurde seitdem von mehreren tausend Besuchern angenommen. Sogar Australier zählten schon zu den Gästen.

Ute Kästner muss innerlich schmunzeln, wenn sie gefragt wird, warum sie sich die Mühe macht, den Boden und die Decke für eine Geige mit der Ziehklinge geduldig zu glätten oder die sechs Teile einer Zarge zu bauen und zusammenzufügen, wenn es doch schneller und einfacher gehen würde, dafür eine Maschine einzusetzen.

Für die Geigenbauerin ist das keine Frage der Effizienz, sondern der Berufsehre: Qualität durch Wissen, Können und Handarbeit - ein Anspruch und ein Markenzeichen, die die Tradition und den Ruf des Instrumentenbaus in Markneukirchen und Umgebung begründet und geprägt haben.

Alfred Kurz aus Neuwied ist ein neugieriger Mensch und quetscht Friederike Philipson aus. Er will alles wissen über das verwendete Holz und seine Maserung, die F-Löcher, den Steg und die Schnecke, wie lange es braucht, bis ein Kontrabass erklingen kann. Die junge Instrumentenbauerin weiß auf fast alles eine Antwort, stellt Zusammenhänge her zwischen der Form eines Kontrabasses und den barocken Stilelementen in Architektur oder im Möbelbau. Ein Instrument, darin ist sie sich mit dem Besucher einig, bedeutet nicht nur Klang, sondern auch Ästhetik. Auch das ist eine Erkenntnis nach der Führung, die wie im Fluge vergeht.

Das sollte man für eine Führung in der Erlebniswelt wissen

Wo? Die Erlebniswelt Musicon Valley befindet sich in Markneukirchen, Bachstraße 3.

Wie? Führungen finden jeden Mittwoch (auch an Feiertagen, außer Weihnachten) um 14.30 Uhr statt. Vorzugsweise in der Geigenwerkstatt, auf Vorbestellung aber auch in der Blechblas- und Kontrabass-Werkstatt. Große Gruppen werden aufgeteilt. Eine Führung dauert zirka 1 Stunde.

Kosten? Pro Person 5 Euro Eintritt, für Kinder 3,50 Euro.

Kontakt? Eine Anmeldung für eine Führung ist nicht notwendig. Kontakt und nähere Informationen unter Ruf 037422 402940 oder erlebniswelt@musiconvalley.de. (eso)

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