Schrauber fahren auf Kultmopeds ab

Sie heißen "OstOase", oder "Ost2rad"und stillen den Ersatzteilbedarf von S 51, Schwalbe und MZ. Auch ein Online-Händler aus Treuen sorgt dafür, dass Bastlern der Nachschub nicht ausgeht.

Treuen.

Dass Marcus Müller heute Ersatzteile für Simson-Mopeds und MZ-Motorräder von Treuen aus in alle Welt versendet, liegt an einem leerstehenden Supermarkt: "Irgendwann waren Wohnung und Garage voller Ersatzteile. Aber ich brauchte mehr Platz. Im Westen war keine geeignete Halle zu kriegen. Oder sie war nicht zu bezahlen", berichtet der Inhaber von Kultmopeds.de - ein Internethändler, der sich auf Ersatzteile für die DDR-Zweirad-Marken spezialisiert hat.

Das war vor reichlich fünf Jahren, als Müller noch bei Bonn lebte und bei Solarworld arbeitete. Dorthin hatte es den jungen Mann aus Gersdorf, einem Dorf bei Hohenstein-Ernstthal, nach dem Abitur zu einem Dualen Studium Industriemanagement verschlagen.


Der einstige Photovoltaik-Gigant ist Geschichte, die von Kultmopeds soll eine Erfolgsgeschichte werden, lässt Marcus Müller keinen Zweifel. Der Internethandel werde wachsen, aber Schritt für Schritt. "1999, mit 13 Jahren, habe ich mein erstes Moped bekommen: S 51, ohne Blinker, das einfachste Modell. Und irgendwann hab' ich daran herumgeschraubt", erinnert sich der 32-Jährige, wie ihn die Begeisterung für das DDR-Moped packte. "Weil man daran fast alles selbst reparieren kann und die Maschinen dank Sonderregelung schneller als andere Mopeds sein dürfen", weiß Müller um den Reiz, dem auch nachfolgende Schrauber-Generationen erliegen.

Irgendwann hatte der Gersdorfer zwei, drei Mopeds in der Garage und bastelte daran herum. "Ersatzteile habe ich beim Simson-Händler geholt, die gab es damals ja noch. Oder ich hab sie aus anderen Maschinen gewonnen, die ich irgendwo in einer Scheune aufgestöbert hatte." Gebrauchte Teile und komplette Maschinen wurden regeneriert und weiterverkauft.

Der Wechsel nach Bonn schränkte das Hobby nicht ein, denn mit dem Online-Marktplatz Ebay war das Internet zum Vertriebskanal geworden. Plötzlich war es egal, wo Händler und Kunde saßen - sie fanden sich übers Netz. Zudem wurde dem Bastler in Bonn klar, dass der Hype um Simson, Schwalbe und Co. nicht auf den Osten beschränkt ist. Auch im Westen wollte man die kultigen Zweiräder fahren - und zahlte dafür auch andere, höhere Preise. Blieb für Marcus Müller, der sein Hobby 2011 als Gewerbe angemeldet hatte, das Platzproblem. Die Entscheidung, zurück in den Osten zu gehen, wurde nicht nur vom Hallenkauf, sondern auch vom sich abzeichnenden Niedergang bei Solarworld befördert. Auf den Vertrieb via Ebay und die erste eigene Webseite folgte im Februar 2015 der Start für den Versandhandel ab Treuen, verbunden mit der Professionalisierung durch Software gestützte Lagerhaltung und neuen Onlineshop. Rund 100.000 Kunden betreut das sechsköpfige Kultmopeds-Team um den Inhaber mittlerweile. Pro Woche verlassen etwa 2000 Sendungen das Lager an der Herlasgrüner Straße, werden innerhalb Deutschlands, in den ehemaligen Ostblock, nach Großbritannien oder die USA versendet. "Aber wir haben auch schon Reifen nach Thailand oder Tuning-Sets nach Neuseeland geschickt", berichtet Müller. "Keine Ahnung, wie die auf uns gekommen sind", sagt Marcus Müller, lacht und liefert den Versuch einer Erklärung gleich mit: "Suchmaschinenoptimierung und Service - das weiß man wohl zu schätzen."

Seit geraumer Zeit können die Kunden nicht nur im Internet aus knapp 6300 Artikeln wählen, sondern auch im Geschäft in Treuen bestellen und abholen. "Wirtschaftlich ist das nicht unbedingt. Aber ein Service für die Kunden aus der Region", sagte Marcus Müller. Der Laden ist Ausstellungsraum für Mopeds und Motorräder aus Müllers Zweirad-Sammlung. Dazu präsentiert der Ersatzteil-Händler, was ihn von den anderen Internethändlern unterscheidet: Tuning-Sets vogtländischer Hersteller, Felgen in x-Farbvarianten und Motoren, die in der hauseigenen Werkstatt regeneriert werden.

Und noch etwas habe sich gewandelt im Laufe der Jahre: Der Teilemarkt sei vom Gebrauchtteile- zum Neuteile-Geschäft geworden, erklärt Marcus Müller. "Wir beziehen die Bauteile von Großhändlern. Diese wiederum aus Ungarn und der Türkei, wohin nach der Wende viele der alten Fertigungsmaschinen verkauft wurden." Oder aus Suhl, wo heute wieder Motoren gebaut werden. Für Marcus Müller ein Indiz dafür, dass der Hype um die Kult-Mopeds aus DDR-Produktion nicht so schnell endet. Denn: "Die Ansprüche mögen sich ändern, dem einen geht es bei seinem Moped ums Aussehen, dem anderen um Leistung. Was bleibt: Es geht ums Machen, um die Schrauberei."

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