Schulleiter verlässt die Kommandobrücke

Nach 40 Jahren im Schuldienst gibt Hans-Ulrich Tiepmar in Falkenstein letztmals Zeugnisse aus - unter sehr speziellen Bedingungen. Als junger Lehrer bekam er dank Sigmund Jähn einst Einblicke, die nur wenigen DDR-Bürgern vergönnt waren.

Falkenstein/Grünbach.

Vom Unterricht bei seinem damaligen jungen und sehr engagieren Klassenlehrer war Hans-Ulrich Tiepmar als Schüler in Wildenau derart beeindruckt, dass er sich für genau dieselbe Laufbahn entschied: "Es hat Spaß gemacht bei ihm, und ich wollte ebenfalls Sport und Geschichte unterrichten", berichtet Tiepmar, der im September 65 wird und i'n Ruhestand geht, über die Weichenstellung für sein Berufsleben.

Nach dem Abi in Auerbach und dem Studium in Greifswald unterrichtete er besagte Fächer ab 1980 bis zur Wende in Morgenröthe-Rautenkranz. Als Heimat des DDR-Fliegerkosmonauten Sigmund Jähn war der Ort 1978 schlagartig republikweit bekannt geworden. Und auch die Lehrer profitierten von Jähns Promi-Bonus, erinnert sich Tiepmar: "Er war ja sehr heimatverbunden und tat uns gern einen Gefallen." So kamen die Pädagogen des Dorfes in den Genuss eines Konzerts in der wiedereröffneten Semperoper und durften das Museum im Torhaus des Brandenburger Tors besuchen, das ansonsten Staatsgästen vorbehalten blieb. Der Geschichtsunterricht in der DDR sei besser gewesen als sein Ruf, findet Tiepmar - bis auf die 10. Klasse, in der vor allem "Parteitagsgeschichte" behandelt werden musste. "Mit Dorfkindern konnte man aber sicher anders arbeiten als in Städten mit Stasi-Eltern", meint Tiepmar, der nie in die SED eintrat. Deshalb konnte er nach einem zweijährigen Gastspiel in Tannenbergsthal 1992 Leiter der Mittelschule Grünbach samt Außenstelle Werda werden.

Dies blieb er bis 2005, als die kleineren Mittelschulen der Region dem Schülermangel zum Opfer fielen: "Obwohl wir in Grünbach eigentlich genügend Schüler hatten", wie Tiepmar betont. Es half nichts: Die Mittelschulen von Grünbach, Ellefeld und Falkenstein wurden im damaligen Gebäude des Falkensteiner Gymnasiums unter dem Namen Trützschler-Schule zusammengelegt. "Ich bekam die ehrenvolle Aufgabe, daraus in kurzer Zeit eine schlagkräftige Truppe zu formen", resümiert der scheidende Schulleiter. Es sei nicht leicht gewesen, habe aber funktioniert. Speziell in Sachen Berufsorientierung habe man schnell ein Niveau erreicht, das in der Region seinesgleichen suche. Eine Ganztags-Integrations-Schule entstand - erfolgreich integriert wurden Aussiedler und Asylbewerber ebenso wie Rollstuhlfahrer. "Wir haben immer noch über 20 ausländische Schüler", betont Tiepmar. Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak seien ebenso darunter wie Jugendliche aus Albanien und Griechenland.

Zum Schluss seines Berufslebens hatte Hans-Ulrich Tiepmar mit der Coronakrise noch eine besondere Herausforderung zu meistern. Dabei hätte er eigentlich schon am 31. Januar aufhören können: "Dann wäre mir das alles erspart geblieben, sage ich manchmal aus Jux." Insgesamt habe man alles ganz gut in den Griff bekommen, findet der Schulleiter. Klar machten sich viele Eltern Gedanken wegen möglicher Nachteile für ihre Kinder. Entstandene Defizite würden sich aber in den nächsten Jahren verwachsen, glaubt Tiepmar: "Wenn es nicht wieder zu Schließungen kommt." Und bei den Abschlussprüfungen könne man die schwierige Situation zum Beispiel durch Austauschaufgaben berücksichtigen. Das habe man bereits erfolgreich gehandhabt. Aus 14 Klassen sind 35 Gruppen geworden, die aktuell jeweils zwei Tage pro Woche in die Schule gehen. Dort gelten Abstandsregeln und beim Verlassen des Klassenzimmers auch Maskenpflicht.

Am kommenden Freitag wird Hans-Ulrich Tiepmar zum letzten Mal Zeugnisse ausgeben - unter sehr speziellen Bedingungen. Die Veranstaltung findet in zwei Durchgängen in der Turnhalle statt, auch hier muss Mund-Nase-Schutz getragen werden. Die Gruppen gehen zum einen Eingang hinein, zum anderen hinaus, es wird desinfiziert. Und nur je zwei Familienmitglieder dürfen direkt nebeneinander sitzen, ansonsten bleiben Plätze leer. Der Schulleiter freut sich trotzdem, dass es überhaupt eine Veranstaltung gibt.

Im Ruhestand will er sich um Haus und Grundstück in Grünbach kümmern, mehr lesen, auch mal Urlaub außerhalb der Ferienzeit machen und zum Beispiel eine große Ostsee-Tour auf den Spuren der Hanse angehen. Wer seine Nachfolge antritt, ist laut Tiepmar noch offen. Er hat das neue Schuljahr organisatorisch jedenfalls schon vorbereitet - soweit dies in diesen Zeiten geht.

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