SPD: Kleine Ansatzpunkte statt Patentrezept

Die Sozialdemokraten haben sich zu den jüngsten Ereignissen in Chemnitz positioniert und nach Lösungen gesucht.

Von Sylvia Dienel

Ist Sachsen braun? Aus aktuellem Anlass hat sich der SPD-Ortsverband Göltzschtal in seiner öffentlichen Mitgliederversammlung diese Fragen gestellt und darüber diskutiert. Nach dem mutmaßlich von Flüchtlingen begangenen Mord an einem Deutsch-Kubaner und anschließenden rechten Aufmärschen in Chemnitz sei es Pflicht, sich zu positionieren, nach Ursachen und Lösungen zu suchen. Dabei blieben die Genossen weitgehend unter sich, nur zwei Nicht-Parteimitglieder fanden den Weg ins Auerbacher Büro.

"Was in Chemnitz passiert ist, der Mord, das ist ganz schlimm", bezog Andreas Krauß Stellung. Er fand aber auch, Staatsgewalt und Gesellschaft dürften weder auf dem rechten noch auf dem linken Auge blind sein. Die Schuld auf fehlende Polizei zu schieben, sei zu kurz gegriffen, meinte Krauß. Er forderte ein Mehr an Zivilcourage. Mehr Bereitschaft, sich dem "Problem mit Rechts" entgegenzustellen. Denn das gäbe es ganz klar, sagte er. "Nicht erst seit gestern, sondern schon ewig." 30 Jahre nach dem Mauerfall fehle bei manchem Älteren noch immer das Demokratieverständnis. In dem Zusammenhang fiel auch das Stichwort Aufklärung über Rechtsextremismus. Die müsse in den Schulen beginnen, so Krauß.

Darüber waren sich auch Susan Polster und Louis Bretschneider einig. Sie unterrichtet an Gymnasien in Auerbach und Reichenbach. Er lernt am Rodewischer Pestalozzi-Gymnasium - und manchmal am realen Leben vorbei, fand der Elftklässler. Louis Bretschneider wünschte sich aktualisierten Unterrichtsstoff. "Es wird ständig nur das vermittelt, was wir seit Ewigkeiten lernen", kritisierte er. "Die Gemeinschaftskundebücher sind teilweise so alt wie ich." In der fehlenden Auseinandersetzung mit rechtem Gedankengut vermutete er einen der Gründe, warum menschenverachtende Schimpfwörter gar nicht so selten zum Wortschatz gehören. "Das ist für viele normal und wird als witzig empfunden", sagte er. Lehrerin Susan Polster traue sich, vom Lehrplan abzuweichen, wenn es die Situation erfordert. Rassistischen Äußerungen setzt sie Diskussionen entgegen. "Was mich besonders stört, sind Pauschalisierungen", berichtete sie. Andere Schüler würden ihr aber auch Hoffnung geben: Nicht wenige zeigten am Montag beim Wir-sind-mehr-Konzert in Chemnitz Gesicht.

Und was kann der SPD-Ortsverein tun? Vielleicht nicht auf großer Bühne, aber in kleinen Schritten etwas erreichen, so der Tenor. Vorschläge kamen eine Menge: Sachsens SPD-Chef Martin Dulig eine Handlungsanleitung schicken, demonstrieren, sich mit Gleichgesinnten vernetzen, Künstler für Konzerte gewinnen, Gespräche und Argumentationstraining mit Schülern anbieten. René Runge reichte das aber noch nicht. Er fand: "Wir brauchen in Schulen politische Weltkunde."

Zitate

Friedrich Fuchs: "Der Staat muss seine normalen Bürger schützen

können."

Christian Bretschneider: "Wir haben alle unseren Anteil daran, haben alle gesehen und zugesehen, wie sich Hass und Fremdenfeindlichkeit ausbreiten."

Andreas Krauß: "Das Rechte ist in unserer Gesellschaft tief verwurzelt."

René Runge: "Die Leute haben teilweise Angst, Gesicht zu zeigen. So kommt diese jahrelange Verharmlosung zustande."

Gudrun Wendt: "Wir trauen uns nicht, uns zu positionieren und Nein zu sagen. Wir haben Angst vor der eigenen Courage."

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