Tschechische Kräfte heute feste Größe

Ohne tschechische Mitarbeiter läuft im grenznahen Raum nichts mehr. Doch das Nachbarland schläft nicht. Hiesige Unternehmer bangen schon.

Auerbach/Klingenthal.

Seit acht Jahren steigt die Zahl tschechischer Arbeitskräfte im Vogtland stetig an. Möglich machte das die Arbeitnehmerfreizügigkeit seit Mai 2011. Waren zuvor nur etwa 150 Mitarbeiter aus dem Nachbarland in vogtländischen Firmen beschäftigt, sind es aktuell nach Angaben der Arbeitsagentur in Plauen fast 1700 Menschen. Im oberen Vogtland haben sich die Nachbarn längst zu unverzichtbaren Arbeitskräften entwickelt. "Ich kenne kaum eine Firma im Raum Klingenthal, die heute ohne Mitarbeiter aus Tschechien auskäme", sagte Bürgermeister Thomas Hennig (CDU) zuletzt als Vogtland-Chef des Sächsischen Städte- und Gemeindetages im Gespräch mit der "Freien Presse".

Bei der Firma S&S Electronic, einem Kabelkonfektionierer in Klingenthal, fährt sogar jeder Vierte täglich aus Tschechien zur Arbeit. Arbeitswege von bis zu einer Stunde nehmen Pendler aus dem Nachbarland für eine Stelle im Vogtland in Kauf, so die Erfahrung der Jobvermittler in Plauen. In der Region Karlsbad sind die Einkommen am niedrigsten in Tschechien. Der Mindestlohn liegt bei umgerechnet 534 Euro im Monat. Die Firma in Klingenthal zahlt für ungelernte Hilfskräfte den deutschen Mindestlohn, 9,19 Euro in der Stunde. "Die Lohnentwicklung ist für uns ein Balanceakt", sagt Geschäftsführerin Eva Dallmann. "Als Zulieferbetrieb stehen wir unter Druck. Wir sind insbesondere aber für unsere Fachkräfte um bessere, faire Löhne bemüht." Der Betrieb beschäftigt 170 Mitarbeiter in Klingenthal, hinzu kommen 15 Zeitarbeitskräfte. In einer Tochterfirma in Sokolov arbeiten weitere 40 Mitarbeiter. Der Betrieb nutzt die Außenstelle als verlängerte Werkbank. Auch, um Kosten zu sparen.

Kristina Mihokovà ist dankbar für ihren Arbeitsplatz auf deutscher Seite. Gerade klebt sie in Handarbeit winzige Aufkleber auf Stecker. Weniger als 2,50 Euro in der Stunde verdiente die 44-Jährige, bevor sie vor sieben Jahren im Betrieb anfing. 80 Kilometer fährt sie seither jeden Tag. Kristina Mihokovà ist gelernte Verkäuferin. Doch nach der Geburt ihrer zwei Kinder konnte sie nicht mehr den ganzen Tag im Geschäft stehen. "Es ging um unsere ganze Absicherung", sagt sie. "Die Hypothek, wir hätten das Haus verloren, wenn ich keine gut bezahlte Arbeit gefunden hätte." Heute ist sie stellvertretende Teamleiterin in der Firma, spricht fließend Deutsch. Jobperspektiven in ihrem Heimatland sieht sie für sich nicht.

Die hohe Fluktuation macht den Firmen in Tschechien zu schaffen. In manchen Firmen wandert jeder dritte Mitarbeiter ab, wie die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer Anfang des Jahres in einem Bericht veröffentlichte. Die Betriebe halten mit Lohn- und Gehaltserhöhungen gegen. Für den Dienstleistungssektor werden dieses Jahr Steigerungen von 4,8 Prozent erwartet, im Bereich der Industrie gar 6,2 Prozent. Am deutlichsten sollen die Einkommen in Nordböhmen steigen. Dort sind sie aktuell aber auch am niedrigsten. Das Durchschnittseinkommen liegt laut der tschechischen Statistikbehörde in der Region um Karlsbad 500 Euro niedriger als in der Hauptstadt Prag.

Dennoch sind hiesige Unternehmer durch die Entwicklung alarmiert. "Mit den steigenden Löhnen in Tschechien merken wir bereits, dass wir nicht alle unsere Lücken in den Betrieben schließen können", sagt Danny Szendrei, Geschäftsführer der Plauener IHK. "Wir müssen uns für den vogtländischen Stellenmarkt weiter in Europa orientieren, zum Beispiel bis nach Rumänien."


"Mindestlohn reicht nicht"

Adrian Lohr ist als Eures-Berater der Arbeitsagentur Plauen im Grenzraum unterwegs, um Jobs zu vermitteln. Nicole Jähn sprach mit ihm.

Freie Presse: Herr Lohr, die Aussicht auf Arbeitnehmerfreizügigkeit bereitete vor 2011 vielen in der Region Unbehagen? Welches Fazit ziehen Sie nach acht Jahren?

Adrian Lohr: Es ist sehr deutlich geworden, dass es eben zu keinem Überrennen oder Verdrängungswettbewerb gekommen ist. Im Gegenteil: Es konnten mithilfe von Arbeitskräften aus Tschechien Stellen besetzt werden, die wohl andernfalls frei geblieben wären, insbesondere im Helferbereich. Die hohe Bereitschaft zu Flexibilität und Mobilität sind natürlich große Werte für Arbeitgeber.

Aktuell arbeiten fast 1700 Menschen aus Tschechien im Vogtland. Wie wird sich die Zahl entwickeln?

Eine Prognose ist eher schwierig, denn die Arbeitsmarktlage ist auch im Nachbarland gut. Tschechien steht EU-weit an der Spitze, was die niedrige Arbeitslosenquote betrifft. Wir merken, dass mehr Tschechen wieder direkt in ihrer Heimat eine Arbeit aufnehmen. Die Frage ist, wie sich die Löhne dort entwickeln. Solange die Löhne nicht angeglichen sind, wird der Strom nicht sofort abreißen.

Hiesige Unternehmer fürchten dieses Szenario: Dass mit den aktuell steigenden Löhnen in Tschechien künftig weniger Arbeitnehmer bis ins Vogtland pendeln.

Die Unternehmen sind natürlich gefordert, mit der Entwicklung Schritt zu halten. Es reicht nicht, nur mit der Aussicht auf Mindestlohn zu winken. In Tschechien ist es üblich, dass Betriebe ihren Mitarbeitern Zulagen zahlen, sogenannte Benefits. Das sind zum Beispiel Gutscheine, Essensgeld oder die Übernahme der Benzinkosten. Da stellt sich für manchen schon die Frage, ob sich pendeln lohnt.

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