Über das Leid und die Grausamkeit

Politische Bildung ist kein eigenes Schulfach. Für eine Falkensteiner Lehrerin ist sie Lebensaufgabe. Und ein erfülltes Versprechen.

Falkenstein.

Flammen erhellen die Dunkelheit, eine Tonbandstimme liest Namen vor. Auch nach mehr als 20 Jahren hat Martina Wohlgemuth diese Szene in der Kindergedenkstätte in Yad Vashem deutlich vor Augen. Es sind die Namen im Holocaust ermordeter Kinder, und die Stimme braucht Monate, bis sie alle vorgelesen hat. Einer der ersten, den Martina Wohlgemut damals hört, ist Sascha. So heißt auch ihr Sohn. Sie bricht in Tränen aus. Überlebende des Holocaust, trösten sie, die deutsche Lehrerin auf Weiterbildung in Israel. Einer nimmt ihre Hände. "Er sagte, es sei nicht meine Schuld, was passiert ist. Aber ich musste ihm versprechen, dass so etwas nie wieder passiert."

Martina Wohlgemuth tut dafür, was in ihrer Macht steht. An der Trützschler-Oberschule Falkenbach unterrichtet sie Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde. Gestern war die Autorin Hannah Miska zu Gast. Für die neunte Klasse las sie aus dem Manuskript zu ihrer Biografie über Alfred Roßner: Ähnlich Oskar Schindler hatte der 1905 geborene Fabrikant aus dem Vogtland Juden und Polen geholfen, bis er 1943 aufflog und starb.

Für Martina Wohlgemuth sind Besuche wie diese Bausteinchen: ihr Beitrag, die Erinnerung wachzuhalten, aus ihren Schülern mitfühlende Menschen zu machen. Die Botschaft kommt an: Das Leid und die Grausamkeit, die Autorin Miska in ihrem Buch schildert, haben Laura Kreizer und Max-Lucas Herold berührt. Darüber, was menschlich ist und sozial, sprechen sie in der Schule ansonsten selten, sagt Max-Lucas.

Politische Bildung ist Bildungsaufgabe, ein eigenes Schulfach ist sie nicht. Sie geht auf in Ethik, Gemeinschaftskunde, Deutsch, Geschichte. Oft ist es dann am Lehrer selbst, Anknüpfungspunkte zu schaffen, sagt Martina Wohlgemuth. Dazu gehört es für die 58-Jährige, in Gemeinschaftskunde über die Ereignisse nach der Ermordung des Chemnitzers Daniel H. zu sprechen - statt über Soziale Marktwirtschaft. Die aufgeheizte Stimmung bereitet ihren Schülern Sorge: Menschen teilen Falschmeldungen in sozialen Netzwerken, ohne sie zu hinterfragen - weil sich Negatives besser verkauft, sagt Laura. Erwachsene Bekannte wählen die AfD, obwohl die keine brauchbaren Konzepte hat für Rente und Soziales, ergänzt Max-Lucas. Zu viele laufen einfach mit. Kann all das zu einer Situation führen wie in den 1930ern, als Menschen anderen Leid antaten, weil sie "anders" waren? Am Donnerstag wollen sie Michael Kretschmer diese Frage stellen. Sie treffen den Ministerpräsidenten bei einem Israel-Projekttag in Leipzig, wohin sie mit Martina Wohlgemuth fahren.

Du kannst in anderen nur entzünden, was in dir selbst brennt - diesen Satz eines ihrer Dozenten hat Martina Wohlgemuth zum Motto ihres Berufslebens gemacht. Rund 180 Schüler unterrichtet sie jedes Jahr. In jedem versuche sie, ein Flämmchen zu entzünden, sagt sie. "Das ist, was ich tun kann."

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 2 Bewertungen
7Kommentare
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  • 2
    0
    Täglichleser
    05.09.2018

    In der DDR waren die Fotomontagen von
    John Heardfield sehr bekannt. Bspw. die Verbindung zwischen Hitler und seinen
    Geldgebern, mit Bismark/ Hitler und der Warnung vor dem Krieg. Das war so. Die
    Kriegsgewinnler waren bekannt.
    Ein Vergleich von heute zu früher bietet sich hier nicht ganz an.
    Aber eins war damals etwas verwirrend.
    In die DDR wurde hervorgehoben, dass in den vorhergehenden Wahlen es immer Mehrheiten zwischen SPD und KPD gab,
    um die NSDAP zu verhindern. Am Ende dann aber definitiv nicht. Man kann also sagen, das deutsche Volk hat die Nazis gewählt. Aus Überzeugung, aus deren Versprechen heraus, natürlich auch durch
    das Auftreten der Faschos gegen Andersdenkende und Juden, die als Sündenböcke/ Feinde des deutschen Volkes deklariert wurden.
    Für uns gilt aus diesen Dingen zu lernen.
    Nie wieder Rassismus. Nie wieder Krieg.
    Und jetzt möchte ich das mit der jetzigen Situation vergleichen und warnen, auch wenn das manche nicht gerne hören.
    In einem deftigen Vergleich zwischen Parteien heute und gestern wurde ich schon mal nicht veröffentlicht!??

  • 2
    1
    Distelblüte
    05.09.2018

    @Freigeist14: Guten Morgen. Natürlich weiß ich, dass Hannah Arendt sich mit dem Begriff auf Adolf Eichmann bezog. Einen Menschen, der sich selbst nichts vorwerfen konnte, denn er hatte ja nur seine Pflicht getan. Was ich mit meinem Kommentar meinte, ist, dass Täter oft recht unscheinbar erscheinen. "Das Böse", um es etwas hochtrabend zu sagen, lässt sich nicht an einem erschreckenden Äußeren festmachen, sondern an Entscheidungen und Taten. Auch die Menschen, die im Staaatsapparat der Nazis mitarbeiteten, waren Familienväter und -mütter, kamen abends nach Hause, kümmerten sich um Kinder, Haushalt, Familie... Darin unterschieden sie sich nicht von anderen, die sich für den Widerstand entschieden hatten. Es bestand und besteht immer eine Art Ambivalenz, und ich finde, letzten Endes ist es eine Gewissensentscheidung, auf wessen Seite ich mich stellen will.

  • 2
    0
    Freigeist14
    04.09.2018

    So,dann eben noch einmal : Distelblüte@ die berühmte Aussage von Hanna Arendt bezog sich auf die für sie enttäuschende Erscheinung des angeklagten Schreibtischtäters und Massenmörders Adolf Eichmann. Keine diabolische finstere Erscheinung ,sondern ein farbloser ,teilnahmsloser grauer Mann,der sich mit Diensteifer und Befehlsnotstand rechtfertigen wollte ohne jegliches Ermessen der eigenen Grausamkeit. Mit einer Beurteilung deutscher Schuld an der Machtergreifung Hitlers hat das nichts zu tun.

  • 2
    0
    Freigeist14
    04.09.2018

    Distelblüte@ Sie machen es sich etwas sehr einfach. Die Machteliten aus Stahlbaronen ,Militaristen und Junker hatten sich lediglich für eine kurze Zeit auf die Weimarer Demokratie eingelassen. Die einfachen Leute waren nach der Weltwirtschaftskrise und Massenelend nach 1930 bereit,den Versprechungen der Nazis und die Suche nach einem Sündenbock nachzugeben. An eine gewalttätige Revision von Versailles dachte im einfachen Volk 25 Jahre nach Kriegsende fast niemand. Hanna Arendt meinte mit der "Banalität des Bösen" ,das ein diabolischer Schreibtischtäter wie Adolf Eichmann menschlich ein Wurm war, sich selbst als "treuen Befehlsempfänger" ohne eigene Ambitionen einschätzte und die Tragweite seiner Grausamkeit versuchte damit zu rechtfertigen.

  • 3
    3
    Distelblüte
    04.09.2018

    Es geht nicht nur um große Namen wie Krupp und Siemens. Möglich wurde die Machtergreifung durch viele "kleine Leute", die den Versprechen glaubten, Deutschland müsse wieder groß gemacht werden nach der Niederlage im 1.Weltkrieg. Die Philosophin Hannah Arendt hat einmal von der Banalität des Bösen gesprochen, das trifft es ziemlich gut.

  • 2
    2
    Interessierte
    04.09.2018

    Politische Bildung ist doch sicherlich mit unserer Staatsbürgerkunde zu vergleichen , und das Fach Geschichte wie über Hitler und Co, hatten wir auch , diesbezüglich wurden wir auch gebildet , was die alles angerichtet haben ...
    Woher kamen denn eigentlich die ´großen` Anhänger von dem Hitler ????

  • 6
    1
    mathausmike
    04.09.2018

    Martina Wohlgemuth gebührt Hochachtung und Respekt!
    Es darf nie vergessen werden,was Deutsche während der Nazizeit,den Juden angetan haben!



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