Viele Spender schenken Patientin ein Stück Freiheit

Ein spezielles Fahrrad soll Anja Bonkowitz etwas Normalität zurückgeben. Weil das sehr teuer ist, organisierte die Tochter eine Spendenaktion. Von den Reaktionen darauf zeigt die Familie sich beeindruckt.

Plauen.

"Don't worry, bee happy" steht auf dem braunen Abstreicher vor der Eingangstür der Familie Bonkowitz. Darauf abgebildet sind mehrere Bienen (auf Englisch: bee), die um einen Bienenstock schwirren. Ein englischer Wortwitz, der sich nicht so recht übersetzen lassen will. Was der Abstreicher sagen soll: Hab keine Sorgen, sei glücklich!

Der "Bienenstock" der Familie Bonkowitz ist eine Wohnung im fünften Stock eines Plattenbaus in Plauen. Das Ehepaar hat sich die Wohnung ausgesucht, weil es dort einen Fahrstuhl gibt. Denn schon eine einzige Treppenstufe ist für Anja Bonkowitz eine unüberwindbare Hürde. Sie ist gefangen im eigenen Körper von einer Krankheit, die ihre Nervenzellen nach und nach zerstört. ALS - Amyotrophe Lateralsklerose - heißt diese und macht, dass sie sich immer weniger bewegen kann. Oft verläuft die Krankheit binnen weniger Jahre tödlich. Schlucken, Sprechen, Bewegen - all das fällt der 49-Jährigen schon jetzt enorm schwer. Und doch sitzt sie da, in ihrem Rollstuhl, und lächelt.

"Es bringt nichts, zu überlegen, was nicht geht. Einfach machen!", sagt ihr Ehemann Swen Bonkowitz und gibt damit ein Motto vor, an das sich die ganze Familie hält. Auch Tochter Olivia Geßner hat sich das zu Herzen genommen und im Juli eine Spendenaktion gestartet. Ziel war es, den Eltern ein spezielles Fahrrad zu finanzieren, mit dem sie Touren unternehmen können. Kostenpunkt: über 8200 Euro.

Freunde und Bekannte nahmen schnell an der Aktion teil. Nachdem die "Freie Presse" im August darüber berichtet hatte, gab es auch von Unbekannten viel Zuspruch. "Ich hätte nicht gedacht, dass das solche Ausmaße annimmt", sagt die Tochter. Freunde von früher, zu denen kaum noch Kontakt bestand, hätten sich plötzlich gemeldet und Hilfe angeboten. Die Band Plausibel spielte für die Familie sogar ein Benefiz-Konzert. "Ich möchte unbedingt allen danken, die uns da unterstützt haben", sagt Anja Bonkowitz, nur schwer zu verstehen, mit Tränen in den Augen. Die Dankbarkeit steht der früheren Vermessungstechnikerin ins Gesicht geschrieben. Das Fahrrad, sagt sie, sei eine Investition, die die Familie ohne fremde Hilfe nicht hätte stemmen können.

Früher, als die Krankheit noch nicht alles verändert hatte, waren Anja und Swen Bonkowitz viel unterwegs, machten gemeinsam Sport, gingen zusammen klettern. "Das wird heute eher schwierig", sagt der Ehemann halb im Scherz. Das Schicksal hat es nicht gut gemeint mit ihnen, aber sie gehen damit offen und locker um. "Bis zu diesem Punkt war es aber ein schwieriger Weg", sagt Swen Bonkowitz. Seine Frau ist sich sicher: "Das geht nur, wenn die Familie eng zusammenhält." Und das tut sie - eben wie bei den Bienen.

Etwa 5300 Euro wurden bis vor einem Monat für das Fahrrad gespendet. Viel Geld, aber noch nicht genug. Dann aber gab es einen Anruf, mit dem keiner gerechnet hatte: Der Verein "Chance zu Leben - ALS " aus Enger nahe Bielefeld meldete sich bei Olivia Geßner und bot an, den noch fehlenden Betrag zu zahlen. "Ich konnte das erst gar nicht fassen", erinnert sich die Tochter. Und mehr noch: Der Verein bietet der Familie auch bürokratische Hilfe an, etwa beim Beantragen von Hilfsmitteln. Derzeit geht es um einen Sprachcomputer. Denn irgendwann wird die Mutter nicht mehr von selbst sprechen können.

Das Fahrrad mit dem sperrigen Namen Pino Steps E 6100 Europa 11 Speed ist ein spezielles Tandem. Hinten kann Swen Bonkowitz sitzen, vorn liegt seine Frau und tritt so gut es geht mit in die Pedale. Unterwegs sind sie damit schon länger. Das Bike House in Plauen stellte es der Familie nämlich schon zur Verfügung, bevor diese überhaupt genug Geld dafür hatte. "Sobald am Wochenende schönes Wetter ist, geht es los", sagt Swen Bonkowitz.

Um Plauen haben die beiden so gut wie alle Routen abgefahren. Deshalb sucht der Ehemann jetzt nach einer Lösung, das Fahrrad transportieren zu können. Zwar passt es in das Auto, ragt aber bis nach vorn. Und irgendwie muss ja auch noch der Rollstuhl transportiert werden. Einmal waren die beiden bereits mit dem Rad auf großer Tour. Mit einem Wohnwagen ging es bis nach Dänemark. Getreu dem Motto des Familienvaters: "Einfach machen."

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