Vogelkundler vermissen Blessralle

Der Vogelzug bietet die Möglichkeit, Vögel aus fernen Regionen im Vogtland zu beobachten. Ornithologen lassen sich diese Ereignisse nicht entgehen. Zugleich arbeiten sie im Dienste der Wissenschaft.

Pöhl.

Die Blessralle - ein Wasservogel, den Ornithologen in anderen Wintern zu Hunderten auf der Talsperre Pöhl und anderen Gewässern des Vogtlandes zählten - ist fast komplett verschwunden. Auch am vorigen Sonntag zur internationalen Wasservogelzählung, der dritten in dieser Saison, ließ sich lediglich ein Vogel dieser Art, die auch Blesshuhn heißt, blicken.

"Bei anderen Zählungen hatten wir manchmal 300 bis 400 solcher Vögel auf dem Wasser. Wir wissen nicht, woran das liegt. Es gibt keine Erklärung dafür", sagt Vogelkundler Eberhard Fröhlich aus Netzschkau. Er war am Sonntag mit Mitgliedern der Reichenbacher Fachgruppe Ornithologie an die Talsperre Pöhl gekommen, um dort die Wasservögel zu zählen. Die Ornithologen haben sich für solche Beobachtungen mit Fernrohren ausgestattet. Fröhlich, dessen Teleoptik eine 32-fache Vergrößerung besitzt, kann damit auch weit entfernte Tiere erfassen.

Ornithologen hoffen an solchen Tagen auf spektakuläre Sichtungen. Am Zähltag, der in allen teilnehmenden Ländern gleich ist, blieben sie aus. Trotzdem entdeckten die Vogelexperten einige Arten, deren Namen für Laien fremd klingen dürften: "Wir haben 40 Pfeifenten gesehen, drei Nilgänse, vier Silberreiher, drei Krickenten und zwei Gänsesäger." In größerer Stückzahl beobachteten die Vogelkundler Kormorane und Möwenarten, jeweils mehr als 100, und auch 50 Haubentaucher waren auf dem Wasser.

Die Prachttaucher, Gäste aus dem Norden, die Fröhlich noch vor wenigen Tagen auf der Talsperre entdeckte, waren am Sonntag verschwunden. "Wenn Ohrentaucher, Stern-, Eis- und Prachttaucher zu sehen sind, kommen auch die Ornithologen aus anderen Fachgruppen, um sich das anzuschauen. Es ist schon etwas Besonderes, wenn sich hier auf unseren Binnengewässern derartige Seevögel aufhalten."

Diese ungewöhnlichen Beobachtungen verdanken die Ornithologen dem Vogelzug. Die Talsperren, auch die in Pirk und Dröda, wo die Ortsgruppe Plauen ebenfalls zählte, sind Rastgewässer, an denen Zugvögel einen Zwischenstopp einlegen, um Nahrung aufzunehmen und sich auszuruhen. Einmal pro Monat, von Oktober bis April, zählen die Ornithologen im Dienste der Wissenschaft Wasservögel - seit 1998 auf den Talsperren des Vogtlandes. In Pöhl herrscht während dieser sechs Monate ein Verbot für das Ausüben von Wassersport, um die Rast der Vögel nicht zu stören.

Die Daten melden die Vogelkundler an die sächsische Vogelschutzwarte Neschwitz in der Oberlausitz. Durch die internationale Zählung seien die Daten vergleichbar. Es lassen sich Schwankungen bei der Anzahl der Arten feststellen. Die Wissenschaftler gewinnen zudem Erkenntnisse über das Zugverhalten der Vögel, erklärt Fröhlich.

Für die Ornithologen vor Ort ist die Zählung zugleich Schulung der Artenkenntnis. Oft helfen auch die Ehefrauen mit, Daten zu erfassen, denn Ornithologen sind in der Überzahl Männer - inzwischen, wie Eberhardt Fröhlich bedauernd feststellt, meist Senioren. Leider interessierten sich kaum junge Menschen für das Hobby, das zugleich mit einem Ehrenamt und einer anspruchsvollen Aufgabe im Naturschutz verbunden ist.

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