Vom Glück in der Weberei

MEIN TRAUMBERUF 15 Jacquard-Maschinen, die rund um die Uhr laufen - sie sind das Reich von Sarah Winkelmann. In einer Serie stellt die "Freie Presse" junge Leute in bodenständigen Berufen vor. Heute: die Maschinen- und Anlagenführerin Textiltechnik (Weberin).

Rodewisch.

Es ist ohrenbetäubend laut in der Ertex-Weberei - insgesamt 76 Jacquard-Webstühle rattern im großen Saal des Rodewischer Unternehmens. Es ist warm, Baumwoll-Flusen segeln durch die Luft. Sarah Winkelmann (26) kann sich keinen schöneren Arbeitsplatz vorstellen, und sie hat schon einiges probiert. Die junge Frau aus Grünbach lernte zunächst Einzelhandelskauffrau. "Das war nichts für mich", resümiert sie. Im Internet stieß sie auf die Seite der Ertex und war gleich angetan.

Das Interesse für die Textiltechnik liegt in der Familie: "Großvater und Großmutter waren Weber. Und ich habe schon als kleines Mädchen gerne Anziehsachen für Puppen genäht." Sie absolvierte als eine der Besten im Bereich der IHK Zwickau ihre Ausbildung zur Maschinen- und Anlagenführerin Textiltechnik, wie der Beruf des Webers heutzutage heißt. Nach einem Jahr in der Weberei holte man sie hinauf ins Büro. Nach zwei Jahren war ihr klar: Auch das war eher nichts für sie. Seit einigen Tagen ist sie zurück im lauten, warmen Saal mit den Maschinen, die - bis auf kurze Pausen zu Weihnachten und im Sommer - rund um die Uhr und das ganze Jahr über laufen. "Ich bin glücklich in meiner Weberei", sagt Sarah Winkelmann und lächelt.

Was ist das Schöne an diesem Beruf? "Eigentlich alles", meint die junge Frau. Sie ist zuständig für insgesamt 15 Maschinen: "Ich trage die Verantwortung für die Qualität, ansonsten richte ich mir die Arbeit so ein, wie ich will." Per Lupe kontrolliert sie das Damast-Gewebe, sie behebt Kett- und Schussbrüche, füllt Spulen auf, bläst die Maschinen regelmäßig sauber, überwacht die Displays. Gehörschutz ist Pflicht in der Weberei. Gearbeitet wird in rollender Woche. Die junge Frau findet es gut, den ganzen Tag in Bewegung zu sein und im Stehen zu arbeiten, kann sich aber vorstellen, dass das für manche ein Manko ist. Nebenbei macht sie gerade ihren Meister für Textiltechnik - ihr Betrieb trägt die Kosten und organisiert die Arbeit so, dass dies funktioniert.

"Jede Maschine hat zwei Computer, aus den Fehlerbildern muss man die richtigen Rückschlüsse ziehen", erläutert Obermeister Jörg Möller. Zahllose Parameter müssten optimal eingestellt werden, etwa auf unterschiedliche Arten von Baumwolle: "Die ist halt Naturprodukt." Das Wichtigste sei, immer den Überblick über alle Maschinen zu behalten: "Nicht der ist der Beste, der am schnellsten rennt, sondern der, der alles im Griff hat." Die Maschinen seien "Formel 1" und liefen ständig am Limit, Stillstand könne man sich nicht leisten. Produktionsleiterin Heidi Herrmann sagt über Sarah Winkelmann: "Wir haben selten jemanden, der so schnell in die Arbeit reingekommen ist. Für sie ist das wohl tatsächlich ihr Traumberuf."


Fakten zum Beruf des Maschinen- und Anlagenführers Textiltechnik (früher Weber)

Was ist das Beste, was das Schwierigste am Beruf? "Man arbeitet den ganzen Tag im Stehen, ist immer in Bewegung", sagt Sarah Winkelmann. Sie selbst findet das prima, kann sich aber vorstellen, dass nicht jeder das so sieht. In der Ertex habe sie allerdings viele ältere Kolleginnen und Kollegen, die sehr gut damit zurecht kämen. Auch rollende Woche und die Lärmbelastung im Websaal sind Bedingungen, die man bedenken sollte.

Was muss man unbedingt können? Man brauche für das Einfädeln eine gewisse Fingerfertigkeit, so die Weberin. Auch Interesse an technischen Entwicklungen, mechanisches und technisches Verständnis und eine rasche Auffassungsgabe gehören zum Berufsbild.

Lehrlings- und Junggesellengehalt: Für Maschinen- und Anlagenführer Textil gelten nach Auskunft von Konrad Nagel vom Verband der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie (VTI) feste, durch Tarifvertrag vorgegebene Sätze. "Sie erhöhen sich 2020 und 2021 jeweils zum 1. August wie folgt: im 1. Ausbildungsjahr auf 800 Euro / 820 Euro; im 2. Ausbildungsjahr auf 855 Euro/875 Euro; im 3. Ausbildungsjahr auf 905 Euro/ 925 Euro."

Bezüglich des Einstiegsgehalts könne keine generalisierte Aussage getroffen werden. Für tarifgebundene beziehungsweise an den Tarif angelehnte Unternehmen betrage das Einstiegsgehalt je nach Qualität und Fähigkeiten des ausgelernten Azubis zwischen 1708 und 2262 Euro brutto.

Ausbildungsdauer und -stationen: Die Ausbildung dauert zwei Jahre. Die Berufsschule findet am BSZ e.o.plauen in Plauen statt. (bap)

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