Von der Anstalt zum Krankenhaus

Als "die gelben Häuser" kennt man die Psychiatrie in Rodewisch. In diesem Jahr wird sie 125. Eine Chronik ist erschienen, die auch die dunklen Jahre nicht verschweigt.

Das war Fleißarbeit: Die Autorinnen Kerstin Eisenschmidt und Maria Rank mit der Chronik zum 125-Jährigen Jubiläum.
Die Backsteine haben der Anlage ihren Namen gegeben: "Die gelben Häuser" wurden 1893 als Heil- und Pflegeanstalt im damals üblichen Pavillonstil gebaut.
Michael Riedel - Chefarzt
Von der Anstalt zum Krankenhaus

Von Ulrike Abraham

Viel hat sich nicht verändert. "Am Ufer der Göltzsch liegen auf sanfter Hügellehne, von kräftigem Baumwuchs umgrünt, die jedem Einheimischen peinlichst bekannten gelben Villen der Königlich-Sächsischen Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke zu Untergöltzsch." So schrieb es der Chronist Johannes Richter 1914. Die "Anstalt" heißt heute Sächsisches Krankenhaus. Doch die meisten sagen "die gelben Häuser", wenn sie von der Klinik sprechen. Damals wie heute.

In diesem Jahr feiern die gelben Häuser ihr 125-jähriges Jubiläum. Einen Festakt gab es deshalb gestern, bei dem auch die Chronik vorgestellt wurde. "Die Geschichte der gelben Häuser" heißt sie - und ist mehr als das: Das Buch zeichnet den Wandel der Psychiatrien von Verwahranstalten zu Fachkrankenhäusern, von Irren zu psychisch Kranken. Die gelben Häuser sind Zeuge dieses Wandels.

Einen Berg aus Briefen, Bildern, Zeitungsartikeln hat Maria Rank in den vergangenen Monaten zusammengetragen. Die Marketing-Chefin des Krankenhauses und ihre Kollegin Kerstin Eisenschmidt sind Autorinnen der Chronik. Viele sind ihrem Aufruf gefolgt, haben Fotos beigesteuert und Anekdoten aufgeschrieben. So ist das Buch eine Art Familienalbum geworden, das auch die dunklen Jahre nicht verschweigt.

Dabei hatte 1893 alles so fortschrittlich begonnen. Der Blick auf die Kranken war ein humanistischer. Sie gingen im Park spazieren, kegeln, im Winter rodeln; es gab Unterhaltungsabende, eine Bibliothek, Klavierunterricht. Und sie arbeiteten. Chronist Johannes Richter: "Die Kranken sollen sich frei fühlen, nicht eingesperrt; ihre Beschäftigung ist zwanglos, die Türen ihrer Wohnungen sind größtenteils unverschlossen; natürlich leben sie unter ständiger, aber unauffälliger Aufsicht." Das brachte der Anstalt sogar im Ausland einen guten Ruf.

Unter den Nationalsozialisten wurden Psychiatrien Verwahranstalten, in denen Menschen vor sich hinvegetierten. Über den Alltag in Rodewisch ist wenig bekannt aus dieser Zeit: Mitarbeiter sprachen nicht darüber, Unterlagen wurden vernichtet. Aber auch in den gelben Häusern ließ man Patienten zwangssterilisieren und verhungern. In der Nachkriegszeit blieb die Unterbringung unmenschlich: Psychiatrisch geschultes Personal war rar, Patienten wurden verwahrt statt therapiert.

Die Wende kam 1963, mit den Rodewischer Thesen. Einen Meilenstein nannte Chef-Arzt Michael Riedel die Thesen in seiner Rede beim Festakt. Aus Irren wurden wieder Menschen, Fürsorge und Rehabilitation waren das Ziel. Dennoch blieben die Bedingungen zu DDR-Zeiten schwierig, betonte Riedel. Trostlosigkeit hinter vergitterten Fenstern konstatiert ein Zeitungskommentar aus dem Jahr 1992. Seitdem hat der Freistaat knapp 64 Millionen Euro in das Landeskrankenhaus gesteckt, sagte Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU), die gestern zum Festakt sprach. Rodewisch leiste "einen wichtigen Beitrag zur psychiatrischen und neurologischen Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in der Region".

Rodewisch sei ohne Krankenhaus nicht mehr denkbar, sagte Bürgermeisterin Kerstin Schöniger (CDU). Fünf Generationen in Nachbarschaft mit Kranken habe die Rodewischer zu toleranten Menschen gemacht. Dennoch: "Die Stigmatisierung von psychisch Kranken ist immer noch ein Thema", betonte Riedel. Tatsächlich hat sich viel verändert, in und um die gelben Häuser. Und es bleibt viel zu tun.

Das Krankenhaus feiert

Auftakt zur Festwoche war der Festakt. Heute folgt ein wissenschaftliches Symposium für Ärzte, Fachpublikum und medizinisches Personal. Am Mittwoch treffen sich ehemalige Mitarbeiter zu Kaffee und Kuchen.

Einen Tag der offenen Tür gibt es am kommenden Samstag, 15. September, von 10 bis 13 Uhr. Führungen durch die medizinischen Bereiche starten halbstündlich am Ambulanzzentrum B14. Für technikinteressierte Besucher gibt es 11 und 12 Uhr eine Tour durch das Kesselhaus. Die Therapietiere können Besucher unterhalb des Gebäudes B11 kennenlernen.

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