Was ein US-Soldat an Plauen schrieb - und die Antwort darauf

Plauen gedenkt seiner Zerstörung am 10. April vor 74 Jahren. Wie schwer Versöhnung und Vergebung noch heute fallen, zeigt das Bemühen um einen Briefwechsel.

42 Jahre nach seinen Einsätzen im Zweiten Weltkrieg als 20-jähriger Air-Force-Soldat schreibt Frank M. Clark Briefe an mehrere deutsche Städte, darunter Plauen. Er will öffentlich um Entschuldigung bitten für Zerstörung und Leid, das er mit Öffnen der Bombenschächte im Flugzeug ausgelöst hat. Doch der 1987 zu DDR-Zeiten eingegangene Brief wird nicht veröffentlicht und nicht beantwortet. Im Stadtarchiv findet sich nur der Entwurf einer Replik. Sie wurde aber nicht verschickt. Die Antwort dauert weitere 32 Jahre - bis heute. Das Netzwerk "Erinnern-Versöhnen-Mahnen" hat sie unter Mitwirkung von Einwohnern verfasst. Die "Freie Presse" dokumentiert den wohl langsamsten Briefwechsel der Welt:

An die Menschen, die in Plauen leben. Das ist eine öffentliche Entschuldigung dafür, dass ich an der Bombardierung Ihrer Stadt am 26. März 1945 teilgenommen habe. Nur weil wir als Soldaten auf der jeweiligen Seite den Befehl erhalten haben, unsere Pflicht zu erfüllen, heißt das nicht, dass wir die Rolle nicht nachempfinden können, die andere spielen mussten. Während ich als Bordschütze und Togglier (verantwortlich für Freigabe des Bombenmechanismus) an 35 Einsätzen teilgenommen habe, hat mich immer der Gedanke begleitet, dass im Krieg zwischen Unschuldigen und Schuldigen am Boden nicht unterschieden wird. Zweifellos sollten wir jetzt begreifen, dass Menschen mit Hass im Herzen nicht unterschätzt werden dürfen. Das ist wahrhaftig auch auf unserer Seite so. Wir müssen in Betracht ziehen, dass Menschen nicht vollkommen sind, und viele Fehler im Umgang miteinander begehen. Was immer wir tun, wir müssen alle darauf achten, nicht blind zu folgen. Im Mai begehen wir in den Vereinigten Staaten den Memorial Day, wie Sie sicher auch in Deutschland. Dies sollte die Zeit für Vergebung früheren Unrechts sein. Bitte nehmen Sie meine aufrichtige Entschuldigung an.

Danke, Ihr Frank M. Clark.

Für meinen Seelenfrieden bitte ich darum, dass jemand auf meinen Brief antwortet.

Liebe Ruth, liebe Familie von Frank Clark. Genau 74 Jahre nach seinem Fliegereinsatz trafen sich etwa 100 Bürger unserer Stadt. Sie erfuhren von dem vor 32Jahren auch an uns gerichteten Brief, der damals nicht veröffentlicht worden war. Alle hörten gespannt, was Frank all die Jahre nach seinem Einsatz noch immer innerlich bewegt hatte. Wir hörten mit Erleichterung, dass ihm viele positive Antworten auf seine Bitte um Entschuldigung und ein Besuch in Deutschland ermöglichten, sich zu versöhnen ... Frank Clark hätte nie Bomben über unseren Städten abzuwerfen brauchen, wenn 1939 nicht deutsche Soldaten Befehlen von Adolf Hitler Folge geleistet hätten. Leider lässt sich Geschichte nicht neu schreiben, wir müssen Lehren daraus ziehen. Der blinde Gehorsam zu vieler Menschen im nationalsozialistischen Deutschland lässt sich kaum entschuldigen und wird bis heute verdrängt ... Den Menschen in den USA und ihren Soldaten in Krisengebieten sollte bewusst sein: "Kollateralschäden" bedeuten unwiederbringliche Zerstörung, Leid und Tod für Zivilisten ... Eine Lehrerin hat den Brief von Frank im Unterricht behandelt, um Schülern nahezubringen, was Krieg mit Menschen macht. Persönliche Schicksale sind nicht so abstrakt wie Fakten und Zahlen. Wir wünschen uns von Herzen, dass alle aus der Vergangenheit lernen, dass es in Kriegen auf allen Seiten nur Opfer gibt. (gekürzt)

Anmerkung der Redaktion: Knapp 60 Plauener haben die Antwort unterzeichnet. Vor Ostern soll der Brief die inzwischen hochbetagte Witwe von Frank Clark erreichen. (sasch/us)

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