Wenn das Lesen und Schreiben eine Qual ist

Ob Fahrplan lesen oder Anträge ausfüllen - für Sabrina Möller waren das bisher fast unüberwindbare Hürden. Jetzt will sie dem Kampf mit den Buchstaben ein Ende machen.

Auerbach.

Wie sie mit Hilfe der deutschen Sprache Türen in ihrem Leben öffnen kann, die bisher verschlossen waren, erlebt die Auerbacherin Sabrina Möller derzeit bei einem Alphabetisierungskurs. "Das Lesen ging meistens irgendwie. Beim Schreiben habe ich große Probleme", sagt die 41-jährige Frau.

Der im Juli zu Ende gehende Kurs ist nach 2015/16 der zweite, den Sabrina Möller am Auerbacher Schulungszentrum Witt besucht. Er soll insgesamt acht Teilnehmer im Lesen und Schreiben für die Arbeitswelt fit machen, erklärt Katharina Schaffrath, die diese Menschen sozialpädagogisch betreut. Zum Inhalt gehöre auch das Schreiben von Bewerbungen sowie das Vermitteln von Kenntnissen im Rechnen und in Sachkunde.

Tino Moritz und Kai Kollenberg

Sachsen 2019:Der „Freie Presse“-Newsletter zur Landtagswahl von Tino Moritz und Kai Kollenberg

kostenlos bestellen

"Wenn ich auswärts arbeite, muss ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Dann muss ich den Fahrplan lesen können", so Sabrina Möller. Für die größten Probleme sorgen bei ihr dort das Entschlüsseln der Sonderzeichen, die beispielsweise "anzeigen, an welchen Wochentagen ein Bus fährt". Denn sie hat erfahren, dass es im Treuener Gewerbegebieten viele Firmen und damit Arbeit gibt. Und arbeiten möchte die Abgängerin der neunten Klasse ohne Berufsabschluss.

Das Problem bei der Arbeitssuche besteht im Vogtland laut Katharina Schaffrath aber eher darin, dass die Treuener Gewerbegebiete von Auerbach aus schlecht und das von Heinsdorfergrund fast nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. Arbeit sei vorhanden.

Sabrina Möller wuchs im mecklenburgischen Boizenburg auf und besuchte dort eine Sonderschule. Dass sie Probleme mit der deutschen Sprache hatte, war damals bekannt. Eine Förderung über die an der Schule übliche hinaus habe sie nicht erhalten. Da sie mit ihrer Familie der Arbeit hinterher gezogen ist, hatte sie zunächst immer Menschen um sich, die ihr beim Schreiben helfen konnten. So als Verpackerin in den Werken eines Lebensmittelherstellers in Hamburg oder als Aushilfe in einem Pinneberger Tennisklub. Da ein Teil der Verwandtschaft der Mutter im Vogtland lebte und "da mir Berge sehr gefallen", entschloss sich Sandra Möller 2011 zum Umzug in den Südwesten Sachsens.

Als sie im Vogtland Hartz IV beantragen wollte, zeigte ihr das 16-seitige Formular ihre Grenzen auf und das Jobcenter empfahl ihr einen Alphabetisierungskurs. "Menschen mit diesen Probleme fällt es schwer, mit solchen Formularen umzugehen. Sie vergessen beim Entschlüsseln der Fremdworte, was sie bis dahin gelesen haben", nennt Katharina Schaffrath Defizite, die sich beim Ausfüllen der Papiere fortsetzen. Beim Schreiben von Bewerbungen kämen neue Probleme dazu. "Neben der fehlerhaften Groß- und Kleinschreibung schreiben die Kursteilnehmer oft so, wie sie sprechen."

Sabrina Möller habe sich nach ihren Worten gut im Vogtland eingelebt. Beigetragen habe dazu, dass sie sich dank der Alphabetisierungskurse immer besser im Leben zurecht findet. Geholfen hat ihr dabei, dass sie unter anderem Rechnungen und Gebührenbescheide selbst ausfüllen und bezahlen oder beantworten kann. Inzwischen hat sie in Auerbach mehrere Arbeitsstationen wie im Stadtbauhof und einer Kita erlebt. Für Sabrina Möller ist Katharina Schaffrath optimistisch, dass sie über das Praktikum zum Ende des Alphabetisierungskurses die angestrebte, neue Arbeit findet - trotz der Probleme mit öffentlichen Verkehrsmitteln.


Alphabetisierungskurse

In Deutschland gibt es Schätzungen zufolge etwa sieben Millionen Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können.

Das Schulungszentrum Witt hat an seinen Standorten in Plauen und Auerbach seit 2007 genau 21 Alphabetisierungskurse mit 165 Teilnehmern abgehalten. Im Jahr finden meist ein bis zwei solche mehrmonatigen Lehrgänge statt.

Die Motivation zum Erlernen des richtigen Schreibens und Lesens sei meist hoch. Von den acht Teilnehmern des aktuellen Kurses hätten sich laut Katharina Schaffrath sechs freiwillig gemeldet.www.witt.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...