"Wir brauchen unzerstückelte Natur"

Seit dem Elsterradweg-Streit bläst Umweltschützern in der Region der Wind ins Gesicht - Ornithologe Stephan Ernst stemmt sich dagegen

Als "Sinfonie der Natur" wird das Vogtland touristisch vermarktet. Das Verständnis für aktiven Naturschutz hat bei vielen Menschen in der Region zuletzt jedoch stark abgenommen. Der Ton bei "grünen Themen" ist mitunter extrem gereizt, selbst in kommunalen Parlamenten. Ornithologe Stephan Ernst (67) aus Klingenthal will sich damit nicht abfinden. Die Fragen stellte ihm Tino Beyer.

Freie Presse: Als Ornithologe sind Sie langjähriger aktiver Umweltschützer und standen immer wieder in der Öffentlichkeit. Wie hat sich nach Ihrer Wahrnehmung die öffentliche Haltung zum Thema im Vogtland in den Jahren entwickelt?

Stephan Ernst: Das ist nicht leicht zu sagen. Gefühlsmäßig denke ich, dass das Umweltbewusstsein schon zugenommen hat. Viele Menschen erkennen inzwischen den geradezu existenziellen Wert, den eine intakte Natur und Umwelt für uns hat. Trotzdem klagen fast alle Gruppen in den Naturschutzverbänden, naturwissenschaftlichen Vereinen und Fachgruppen, dass sie überaltert sind und es am Nachwuchs fehlt. Das trifft auch für unsere Arbeitsgemeinschaft der Ornithologen im Vogtland zu. Es fehlt uns an jungen, engagierten Leuten.

Zuletzt war die Debatte um den Elsterradweg beherrschendes Thema im Oberland. Auch Sie haben sich eingemischt ...

Ich habe mich deshalb eingemischt, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, dass völlig unsachlich und nur aus dem Bauch heraus gerade jene, die sich - meist ehrenamtlich - seit vielen Jahren darum bemühen, die uns verbliebenen Naturoasen unbeschädigt zu erhalten, auch noch beschimpft werden. Diese letzten Refugien sind für uns genauso wichtig wie die Kulturgüter, wenn nicht sogar noch wichtiger. Es geht nicht nur um Biodiversität, um Pflanzen und Tiere, sondern auch um unser eigenes Wohlbefinden. Wir brauchen dringend unzerstörte, unzerstückelte Natur, um uns vom Alltagsstress zu erholen, weil wir sonst krank werden.

Die Versäumnisse des Kreises werden mehrheitlich nicht den dort Verantwortlichen angekreidet. Vielmehr stehen vor allem die Umweltaktivisten im Fokus der Kritik. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Dass einige auch über die Zeitung so kräftig ihren Ärger gerade gegenüber den Natur- und Umweltschützern abgeladen haben, verwundert mich schon. Wahrscheinlich handelt es sich um Vorurteile und Klischees. Solche entstehen, wenn ohne tiefere Kenntnisse Pauschalurteile weitergegeben werden. Sie sind gefährlich. Wahrscheinlich wissen diese Leute einfach zu wenig, was überhaupt ein FFH-Gebiet, ein Fauna-Flora-Habitat ist, und warum solche Schutzgebiete innerhalb der EU dringend eingerichtet werden mussten. Das geschah auch in Sachsen nicht einfach vom Schreibtisch aus. Die Ausweisung dieser Gebiete erfolgte nach umfangreichen Kartierungen von Fachleuten. Sie sind gesetzlich - auch nach europäischem Recht - geschützt. Dass der Bau eines Radweges dort nicht möglich ist, hätten die Verantwortlichen im Landratsamt wissen und von vornherein eine andere Variante ins Auge fassen müssen.

Der Ton ist zuletzt merklich rauer geworden. In einem Leserbrief war die Rede davon, dass Herr Mehnert von der Grünen Liga befürchten müsse, gesteinigt zu werden. Beim Thema Schutzgebiete wurden in Triebel Sätze wie "an die Wand stellen" gebraucht. Da war für Sie die Grenze überschritten...

Ja, das war der Anlass, dass ich nicht mehr ruhig bleiben konnte. Hier ist die Grenze der öffentlichen Meinungsfreiheit, einer demokratischen Streitkultur eindeutig überschritten. Wer solche Worte im Munde führt, untergräbt unsere Demokratie und darf nicht glauben, dass er eine Mehrheit auf seiner Seite hat. Wer keine anderen Argumente weiß als Mord und Totschlag, kann niemals Recht haben. Er ist auch als Gemeinderatsmitglied nur peinlich, denn für einen solchen Volksvertreter muss man sich schämen. Hier geht es plötzlich nicht mehr nur darum, die Natur zu schützen, sondern auch die Naturschützer im Amt und Ehrendienst. Auch verwundert mich die Ablehnung des geplanten Landschaftsschutzgebietes Oberes Triebelbachtal - Saaleeinzugsgebiet der Triebler Gemeinderäte sehr, da ein solches ja auch eine Chance für ihre Gemeinde ist, zum Beispiel für sanften Tourismus. Eine weitere Zersiedelung der Landschaft im Außenbereich und Windparks mit einer Höhe von über 50 Meter sind dann nicht möglich. Vermutlich gibt es aber auch hier erhebliche Informationsdefizite. Viele Flächen in diesem Territorium sind ohnehin bereits als Naturschutzgebiet, Flächennaturdenkmal oder FFH-Gebiet geschützt.

Wie kommt die Region aus dem Streit wieder heraus? Gibt es aus Ihrer Sicht einen Weg der Versöhnung? Immerhin sehen sich viele Menschen, die sich kritisch äußern, als Naturfreunde.

Kein einziger der mir bekannten Natur- und Umweltschützer ist gegen Radfahrer und Radwege eingestellt. Die meisten fahren selber viel mit dem Fahrrad. Zum Radweg im Elstertal bei Adorf aber gibt es ein höchstrichterliches Urteil, und ich sehe nicht, wo es da noch einen Kompromiss geben soll. Eine Versöhnung aber schon. Sie kann jedoch nicht darin bestehen, dass der Bürgermeister von Adorf lieber ein Ordnungsgeld bezahlen will, als auf das untersagte Befahren des schwarz gebauten Radwegabschnittes zu verzichten. Die Grüne Liga hat dieses Desaster nicht heraufbeschworen, sondern die Verantwortlichen im Landratsamt.

Gibt es aus Ihrer Sicht Dinge, die Natur- und Umweltschützer egal ob im Ehrenamt oder als Behördenmitarbeiter ändern, verbessern müssen? Nicht wenige Bürger haben das Gefühl, dass auch auf diesem Gebiet politische Interessen eine Rolle spielen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es unter den Natur- und Umweltschützern, ob in der Behörde oder im Ehrenamt, nennenswerte politische Interessen gibt. Ihr Interesse besteht darin, die Natur in ihrer Heimatregion nicht zum Selbstzweck, sondern für die Allgemeinheit vor Schäden zu bewahren. Für die Behörde ist es eine berufliche Pflicht und für den Ehrenamtler ein inneres Bedürfnis, wofür er oft seine ganze Freizeit nutzt. Wirtschaftliche und politische Interessen kommen immer aus ganz anderer Richtung.


Zur Person

Stephan Ernst (67) gehört zu den profiliertesten Autoren im Bereich Umwelt und Natur im Vogtland. Als Autodidakt verfasste er Beiträge zur ornithologischen Forschung in Sachsen, Tschechien, Albanien und Sibirien. 2015 brachte er das Buch "Oh mein reicher Altai" auf den Markt. Lange Jahre führte Stephan Ernst eine Buchhandlung in Klingenthal.

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