Wo die Wirklichkeit Urlaub hat

Der Freizeitpark Plohn ist nicht der größte und auch nicht der spektakulärste, doch er ist ein Idyll inmitten grüner Hügel. Und auf dem Radar von Kennern der Szene bewegt er sich steil nach oben.

Plohn.

Rattern, Schreie. Lachen, Stille. Wasserplätschern, Vogelzwitschern, Fetzen von Musik. Rattern, Schreie. Lachen, Stille. Das ist der Klangteppich, der wirklich gewordene Fantasiewelten polstert.

Die Fantasiewelt, um die es hier geht, liegt verborgen zwischen Hügeln und Feldern, am Rand von Plohn: 350 Einwohner, Ortsteil der Stadt Lengenfeld. Ein Holzgerüst baut sich in den Himmel. Oben auf der Achterbahn "El Toro" reißen Menschen die Arme in die Luft, fürs Foto. Fahrtwind zerrt an den Gesichtern. Der ganz vorn im Bild ist Andreas Korb. 20 Jahre lang hat der Mann aus einem Dorf bei München Versicherungen verkauft. Heute organisiert der 42-Jährige Urlaub von der Wirklichkeit, schleust Reisegruppen durch Freizeitparks in Japan, Mexiko und Deutschland. "Coasterfriends" nennen sie sich: Achterbahnfreunde. Korb selbst ist auf mehr als 1730 Bahnen gefahren - so vielen wie kaum jemand sonst. "El Toro" war weder die größte, noch die spektakulärste. Und doch war Korb schon zehn Mal in Plohn, zuletzt vor ein paar Wochen.

Von vielen kaum beachtet, die nur ein paar dutzend Kilometer entfernt wohnen, hat sich der Freizeitpark in den vergangenen 22 Jahren mit dem vogtländischen Grün verwoben, das ihn umgibt. Mit rund 350.000 Besuchern im Jahr ist er die zugkräftigste Attraktion der Region. Hinterm Branchenriesen aber bleibt er zurück: 5,6 Millionen Gäste zählt der Europa-Park in Baden-Württemberg. Die Branche wächst, sagt Janek Schwedek, Sprecher des Verbands deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen (VDFU). 40Millionen Besucher kamen 2017 in die rund 100deutschen Parks, Tendenz steigend. Das liegt wohl nicht allein am Wunsch nach Nervenkitzel. "Die Menschen wollen immer schneller immer mehr erleben", vermutet Andreas Korb. Eine Reise in den Freizeitpark statt nach Italien - das verspricht kompaktes Vergnügen für wenig Geld. Im strengen Takt des Alltags bieten diese Fantasiewelten aber auch die Chance auf kontrollierten Kontrollverlust.

Wenn sich der Bügel gesenkt hat, übernimmt die Maschine die Kontrolle. Eine körperlose Kraft reißt die Gondeln nach oben, dreht, spuckt sie zur Seite. Wie eine Katze, die eine Maus am Schwanz gepackt hat. Rattern. Schreie, Lachen. Stille. Ein Mädchen kneift die Augen zu. Dabei ist der "Drachenwirbel" nur die harmlose kleine Cousine von "El Toro": Sieben Meter geht es hoch, mit Tempo 30. Da dürfen auch schon Vierjährige mitfahren. Die "Raupe" etwa, eine kleine Berg- und Talbahn, hat gar keine Altersgrenze.

Überhaupt gibt es viel für die ganz Kleinen: Als Märchenland für sie war der Park ursprünglich gedacht -und lief deshalb lange unter dem Radar der Szene, sagt Andreas Korb. Den Umschwung brachte "El Toro" vor knapp zehn Jahren. "Die Bahn macht einfach Spaß", sagt der Kenner und verfällt in den Jargon der Adrenalinjäger, spricht von g-Kräften und Airtime. Übersetzt: Es geht um das Gefühl der Schwerelosigkeit. Adrenalin ist zweitrangig.

Das lässt sich aufs Ganze übertragen: Ein guter Freizeitpark besteht nicht aus aneinandergereihten Adrenalinschleudern; die perfekte Fantasiewelt braucht Kulissen, die Zeit und Raum verschwinden lassen. "Ein Park muss eine Geschichte erzählen", sagt Korb.

Die von Plohn ist fast ein Märchen. Wasserplätschern, Vogelzwitschern, Fetzen von Musik. Für eine Reise in die Anfangszeit muss man den Kieswegen in den Wald folgen, aus dem heraus der Park gewachsen ist. Die Vergangenheit liegt dort: aufgehoben in winzigen Karussells und Märchenfiguren, gruppiert um den alten Forellenhof. Dort hatte Parkgründer Arnfried Völkel, nach der Wende arbeitsloser Automechaniker, Anfang der 1990er eine Fischzucht mit Restaurant betrieben. Für die Kinder schuf er den Märchenwald. Jahr um Jahr kam etwas dazu - bis heute.

Fast aus der Zeit gefallen wirkt das alte Herz des Parks, an manchen Stellen verblasst. Doch es atmet dieselbe Liebe zum Detail wie die schicke Westernstadt um "El Toro".

Unterwegs trifft man auf Arnfried Völkel - mit Glück. Verabreden kann man sich nicht mit ihm, Papierkram und Presse erledigen seine Mitarbeiter. Werkzeugkoffer in der Hand, Staub auf Arbeitshose und T-Shirt werkelt der 69-Jährige täglich an Zäunen und Häusern herum. Völkel braucht seinen Park, und der braucht ihn. Er ist der Parkvati. Zu tun gebe es immer, und Ideen habe er genug, brummt Völkel. Ihn bremst nur das Geld. Allein 45.000 Euro für Strom fallen im Monat an. Was übrig bleibt, fließt in neue Attraktionen. Der Investitionsdruck in der Branche ist groß, sagt auch VDFU-Sprecher Schwedek. Immer Neues muss her, die Gäste sollen ja wiederkommen.

Eine Goldgrube ist Völkels Fantasiewelt nicht. Darum geht es ihm auch nicht. "Hauptsache, die Kinder haben Spaß", ruft der Hüne mit dem weißen Backenbart. Dieses Herzblut spürt man, sagt Andreas Korb. Und das ist der eigentliche Grund dafür, dass er immer wiederkommt.

Gerade hat Völkel 6,5 Millionen Euro in seine neueste Höllenmaschine gesteckt: den "Dynamite-Coaster" mit Loopings und Schrauben. Die Fundamente stehen schon. Anhand derer haben einige von Andreas Korbs Coasterfriends auf den Verlauf der Bahn geschlossen - in der Szene ist das eine Art Sport. Und sie lagen richtig, verrät Völkel. Hinter seinem Bart blitzt ein Grinsen. Wenn der "Dynamite-Coaster" 2019 eröffnet, werden Korb und die Coasterfriends wiederkommen, die Arme in die Luft reißen - nicht nur fürs Foto. Parkvati Völkel aber wird nicht mitfahren. "Da platzt der Dampfkessel", brummt er, und meint seinen Blutdruck. Er fährt höchstens die "Raupe", mit seiner Enkelin: Rattern. Schreie, Lachen. Stille.

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