Wölfe erobern das Erzgebirge nach und nach zurück

Rund 100 Besucher haben am Mittwochabend in Aue von zwei Biologen Neues zu denRaubtieren erfahren. Eine Erkenntnis: Bald könnte es deutlich mehr Rudel geben.

Aue/Schwarzenberg.

Wildschweine jagen Wölfe. Das klingt nach falschem Film. Doch es ist genau das, was der Naturfilmer Sebastian Körner mit seiner Kamera aufgenommen hat. Die Bilder von einer Rotte Wildschweine, die drei Wölfe vor sich hertreiben, präsentierte der Spreewitzer jetzt im Kulturhaus Aue. Knapp 100 Besucher waren gekommen, um von den Biologen Sebastian Körner und Helene Möslinger, sie arbeitet für das Lupus-Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland, Aktuelles über das Raubtier zu erfahren, das jetzt auch im Westerzgebirge wieder heimisch ist. Organisiert wurde der Abend von der Grünen Aktion Westerzgebirge (GAW) und vom Ökologischen Jagdverein Sachsen (ÖJV).

Vor vier bis fünf Jahren gab es im Westerzgebirge wieder erste eindeutige Wolfsspuren, vor allem im Winter. Das sagte Andreas Pommer, Mitglied im ÖJV und Leiter des Sachsenforstreviers Eibenstock. "Damals ist der Wolf nicht sesshaft geworden und hat sich wohl klimatisch günstigere Gebiete ausgesucht." Seit zwei Jahren gebe es aber Fotofallen-Nachweise, und es ist sicher: Im Raum Oberwiesenthal-Satzung lebt eine Wolfsfamilie, die als Vysluni-Rudel bezeichnet wird. Die hatte 2018 und 2019 Nachwuchs.

Wissenschaftler eines sächsisch-böhmischen Projekts gehen dieses Jahr von mindestens drei Jungen aus. Mit sieben Fotofallen beobachten die Experten die Tiere. Laut Helene Möslinger vermutet eine tschechische Organisation zudem, dass westlich von diesem Rudel auf böhmischer Seite weitere Wölfe leben. "Das ist aber noch völlig unsicher", so Möslinger.

Andreas Pommer geht davon aus, dass auch das Revier Eibenstock künftig stärker mit dem Tier konfrontiert wird, da die Welpen, wenn sie erwachsen sind, eigene Lebensräume suchen. Wilhelm Bernstein, Vizepräsident des Landesjagdverbandes Sachsen, hat sein Jagdrevier im Raum Schwarzenberg. Da habe er schon einen Wolf gesehen - aus 30Metern Entfernung. Das Tier tauche auch auf Bildern seiner Fotofallen auf. Bernstein ist nicht grundsätzlich gegen den Wolf. Er sagt: "Der gehört dazu, wie der Luchs. Aber die Menge macht das Gift." Es gebe eine Vermehrungsrate von über 30 Prozent.

Diese Zahl hatte kürzlich auch Ilka Reinhardt, eine der beiden Leiterinnen des Lupus-Instituts, genannt. Dass der Bestand deutlich wächst, zeigen die Daten. 2000 gab es das erste Rudel in Ostsachsen. Inzwischen sind es deutschlandweit um die 75. In Sachsen leben mindestens 18. Die neuesten Daten gibt die Fachstelle Wolf in wenigen Tagen bekannt. Eine Besucherin wollte wissen, wann die Zahl von 440 Rudeln im Bundesgebiet erreicht ist, die das Bundesamt für Naturschutz vor einigen Jahren mal vorausgesagt hatte. Naturfilmer Sebastian Körner schätzte, dass es innerhalb der nächsten zehn Jahre so weit sein könnte.

Wie es um den Schutz von Pferden bestellt sei, erkundigte sich eine andere Besucherin. Da blieben die Referenten wage. Helene Möslinger sagte, Fohlen sowie Kälber von Kühen sollten grundsätzlich hinter Schutzzäunen gehalten werden. Große Tiere seien wehrhaft. Bei denen werden Herdenschutzmaßnahmen wie Zäune und Hunde auch nicht durch den Freistaat Sachsen gefördert, wie Vanessa Ludwig von der Fachstelle Wolf auf Nachfrage bestätigte. Geld gebe es tatsächlich nur für Schafe, Ziegen und Gatterwild. Entschädigt werden bei Schadensfällen aber auch alle anderen Viehhalter, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Wolf die Tiere getötet, verletzt oder vertrieben hat. Die Halter müssten im Fall von Rind, Pferd und Co. nicht einmal Mindestschutzvorschriften eingehalten haben, die für Schafe, Ziegen und Gatterwild verpflichtend sind.

Die Zuhörer fragten auch nach, was an dem Gerücht dran sei, dass es sich bei allen Wölfen in Deutschland in Wahrheit um Wolf-Hund-Mischlinge handele, also Hybride. Daran sei nichts, so Helene Möslinger. Es habe bundesweit nur zwei solche Fälle gegeben: Einen 2003 in Sachsen und einen weiteren in Thüringen. Da hat sich eine Wölfin, die zuvor auch kurzzeitig in Zwickau aufgetaucht war, mit einem Hund verpaart und sechs Mischlinge bekommen. Vier wurden abgeschossen, zwei waren nicht zu finden.

Inzwischen heißt es, die Wölfin habe erneut Hybride zur Welt gebracht. Laut Sebastian Körner seien die in einer sehr großen Wolfspopulation kein so schwerwiegendes Problem, in einer kleinen, isolierten wie zum Beispiel in Thüringen allerdings schon.

Mehr Infos zum Wolf gibt es im Internet unter:www.wolf.sachsen.de

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