Zukunftsforscher: Wirtschaft braucht risikobereite Vogtländer

Wie es bei Technik und Arbeitsmarkt im Göltzschtal weitergeht, darum ging es beim Unternehmerstammtisch in Falkenstein. Redner Klaus Burmeister aus Berlin setzt auf Vernetzung und Umdenken im laufenden Betrieb.

Falkenstein.

Vieles wird nicht bleiben können, wie es ist und lange war. Dieses Bild von Wirtschaft, Technik und Arbeitsmarkt zeichnete Zukunftsforscher Klaus Burmeister beim Unternehmerstammtisch am Freitag im Falkensteiner Autohaus Schüler vor mehr als 60 Teilnehmern aus dem Göltzschtal. Und er zeichnete es nicht nur vom Morgen in Ballungsgebieten und Metropolen. Seine Botschaft: Auch hier sei Um- und Weiterdenken gefragt.

Burmeister zufolge wird künstliche Intelligenz in Zukunft vieles ersetzen. "Das hat was mit lernenden Systemen zu tun", sagte er. Auch das Rückgrat regionalen Wirtschaftens müsse sich auf Veränderungen einstellen - beziehungsweise diese vorantreiben: "Es heißt immer, der Mittelstand ist unser innovativer Kern", so Burmeister. "Seit 25 Jahren sinkt aber zumindest die Innovationskraft des Mittelstandes beständig", berichtete er und belegte seine Aussagen mit Statistik. Noch dazu sinkt dem Berliner Experten zufolge die Gründer-Zahl. "Wir brauchen dringend Leute, die bereit sind, das Risiko einzugehen."

In seinem einstündigen Vortrag malte Klaus Burmeister auch Zukunftsbilder, die manchen im Raum aufhorchen ließen. Etwa dann, als das Thema Seniorenbetreuung zur Sprache kam und Burmeister auf Pflegeroboter einstimmte. "Wir befinden uns in Transformationszeiten und müssen im laufenden Betrieb umdenken", sagte er. Jener Umbruch würde auch in der Arbeitswelt Einzug halten.

Das gemeinsame Regionale Entwicklungskonzept der vier Göltzschtalgemeinden Falkenstein, Ellefeld, Auerbach und Rodewisch bezeichnete Burmeister als einen Schritt in die richtige Richtung. Es brauche vor allem Vernetzung und Erfahrungsaustausch, um mithalten zu können, so der Forscher. Das machen die vier Kommunen mittlerweile seit über 20 Jahren. Als Mittelzentraler Städteverbund Göltzschtal wolle man noch enger zusammenrutschen, betonte Rodewischs Bürgermeisterin Kerstin Schöniger (CDU). Gedankenaustausch wird unter anderem in Form einer Vierertour praktiziert: Seit 2017 treffen sich die Bürgermeister einmal pro Jahr öffentlichkeitswirksam zu bestimmten Themen. Diesmal war es die Wirtschaft. Damit setzte der Unternehmerabend die Serie fort.

Zu den Aufgaben an vorderster Front gehört laut Kerstin Schöniger der Breitbandausbau als Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit im Göltzschtal. Sorgen machen nach wie vor die Auswirkungen des demografischen Wandels. "Der hat unsere Region sichtbar getroffen", sagte sie. "Nach der politischen Wende 1989 ist uns eine ganze Generation abhanden gekommen. Mit so etwas haben andere Regionen wahrscheinlich weniger zu kämpfen."

Im laufenden Betrieb umzudenken, wie es Klaus Burmeister empfohlen hatte, sei schwierig in die Praxis zu übersetzen, sagte Schöniger. "Wir haben alle kleine Verwaltungen. Und die sind ausgelastet."


"Gemeinsam denken"

Zukunftsforscher Klaus Burmeister (Foto) rät dem ländlichen Raum, Vorhandenes und Neues zu kombinieren. "Freie Presse" sprach mit ihm.

"Freie Presse": Welches Szenario ist für das Göltzschtal vorstellbar?

Klaus Burmeister: Die Fragen sind in kleinen Städten im Grunde die gleichen wie in großen. Weil sich der Arbeitsmarkt verändert, muss überlegt werden, wie bei Bildung die Übergänge gestaltet und Qualifikationen auf der Höhe der Zeit bereitgestellt werden können. Auch ist es wichtig, Kontakt zu wissenschaftlichen Hochschulen herzustellen, um die Attraktivität der Region für Fachkräfte zu steigern.

Was raten Sie eher strukturschwache Regionen konkret?

Wie ich gehört habe, spielt die Dienstleistungsbranche hier eine große Rolle. Deshalb ist der Bedarf an Fachkräften auch groß. Man muss also gucken, wie sich mit begrenzten Mitteln Arbeitsprozesse zukunftsfähig gestaltet lassen und Frauen gut eingebunden werden. Es braucht flexible Formate beim Lernen. Eine Abstimmung mit dem, was die Leute können. Und wer Interesse hat, muss erreichbar sein. Ein zentrales Kriterium ist auch Offenheit, andere einzuladen, gemeinsam zu denken. Warum nicht Immobilien-Leerstand zu günstigen Konditionen dafür nutzen? Mit Sicherheit ist das ungewöhnlich, und die Bevölkerung muss es mit umsetzen. Ich bin mir aber sicher, dass in jeder Gemeinde Ideen existieren. dien

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