27 Jahre Chef in Zwota: Dauerbrenner für guten Klang

Gunter Ziegenhals war 27 Jahre Geschäftsführer des Instituts für Musikinstrumentenbau Zwota. Nie hat er woanders gearbeitet. Am heutigen Freitag wird er verabschiedet.

Zwota.

Ein mildes Lächeln umspielt die Mundwinkel von Gunter Ziegenhals. Sein Büro ist aufgeräumt, er ist es auch. Der vorletzte Tag im Februar ist für den 65-Jährigen der letzte Arbeitstag. Genau 27 Jahre war er Geschäftsführer des Instituts für Musikinstrumentenbau in Zwota. Am Haus war er 40 Jahre und ein halbes. Ziegenhals geht zufrieden, kein Zweifel. Es ist kein Abschied als Chef, der wiederkehrt, um dann von hoher Warte den weisen Alten zu geben. "Graue Eminenzen sind das Schlimmste", sagt er. Seinem knapp 20 Jahre jüngeren Nachfolger Holger Schiema - er kommt von der Klingenthaler Musikelektronik - will er nicht auf die Pelle rücken. ¨Sein Plan: Gerade in der ersten Zeit möglichst eine Lücke lassen.

Eine Lücke zum Institut, das es so in Deutschland nicht noch einmal gibt. Sieben Mitarbeiter, die industrienah für den Musikinstrumentenbau forschen. Es geht um neue Produkte, bessere Bestandteile oder Material-Ersatz. Zu klären ist etwa eine Frage, wovon etwa akustische Eigenschaften abhängen. Liegt es am Instrument, oder ist es der Spieler, das Gespielte und die Raumumgebung? Bis auf Orgeln hatten die Zwotaer vieles im Haus. Signalhörner, für die die Vogtländer flugs zum Dekra-Prüflabor ernannt wurden. Aufgabe: Testen, ob sie laut genug sind. Oder die Divane, eine Langhalslaute, von einem türkischen Ingenieur entwickelt. Sie hängt heute neben Ziegenhals' Schreibtisch. Eine Etage tiefer liegt im Schaukasten eine Querflöte mit Anblashilfe. Ziegenhals hat sie entwickelt, für den Musikspielwarenhersteller Goldon. Seine erste Aufgabe in Zwota.

Länger als der Flötenauftrag, bis Mitte der 60er reicht die Geschichte von Ziegenhals und der Musik zurück. Sie führt nach Karl-Marx-Stadt. "Mit zehn Jahren habe ich Akkordeon gelernt und das fünf Jahre betrieben." Dazu überreden musste ihn keiner. "Das hab ich auf eigenen Wunsch und zur Freude meiner Eltern gemacht. Mit 15 war das dann nicht mehr so spaßig. Vom Jugendweihegeld hab ich mir dann ein Tonband gekauft. In der zehnten Klasse beschlossen wir, eine Band zu gründen." Ziegenhals lernt Gitarre. Erst reicht es für Drei-Griffe-Lieder, später nimmt er Unterricht. Das hilft bei der Armee: Regimentscombo statt Wache schieben. Zurück in Karl-Marx-Stadt, hat der als Physikstudent mit zwei Studienkollegen eine Rockband. Und ein Musikstudium? Nee, sagt Ziegenhals. "Um Musik zu studieren, war ich zu schlecht. Es war immer Hobby. Bis heute." Einmal in der Woche macht er mit Helmut Glaß und Udo Schneeberg daheim im Keller Musik. "Folk und Rock, 60er, 70er. Unsere Zeit halt."

Daheim, das ist seit 1997 Markneukirchen. Davor war es Klingenthal und Zwota. Jenes Zwota, das er beim ersten Mal im Buch nachschlagen musste, um zu erfahren, wo es liegt. Das Zwota, das viele in Dresden suchen, seit das Institut vor 15 Jahren mit einem besonderen Status geadelt wurde - An-Institut der TU in der Landeshauptstadt. "Wir hatten schon Anrufe aus Dresden mit dem Handy, das man uns dort nicht findet", schmunzelt Ziegenhals.

Der Name Zwota stand auf der Liste der 26 Arbeitsstellen, die den 26 Absolventen aus Ziegenhals' Studienabschlussjahr vorgelegt wurde. "Ich bin hergefahren, hab es mir angeschaut und gedacht: Das ist es." Und blieb es - "eine absolut langweilige Erwerbsbiografie". Kontinuität, die das Spinnen von Netzwerken ermöglichte. Die hat er eh lieber gepflegt als das Rampenlicht gesucht. Wird einer in so vielen Jahren nicht betriebsblind? "Man muss wissen, dass es das gibt, es selber überwinden und wachen Auges durch die Gegend gehen." Ziegenhals findet nichts dabei, Fehler zuzugeben. Auch nicht, dass er bei aller Erfahrung einen unerfüllten Traum hat. Ein Campus Musikinstrumentenbau im Vogtland: Von Berufsschule über Fachausbildung, Hochschule bis Forschung. Wer so nah beieinander hockt, da ist Ziegenhals sicher, lernt voneinander unglaublich viel.

Wer das Institut in Zwota besucht, lernt auch etwas: Den Namen Ziegenhals gibt es hier zweimal. Gunter arbeitet Tür an Tür mit Heidrun, seiner Ehefrau seit 1978. Sie ist auch Physikerin, hat ein Jahr nach ihm hier angefangen und wird hier noch zwei Jahre arbeiten. Sie kümmert sich - da auch Betriebswirt - um das Geschäftliche, Er ist und bleibt Forscher. Das passt. "Wir müssen natürlich aufpassen, dass wir die Arbeitsberatung daheim nicht fortsetzen. Das gelingt nicht immer. Es ist eher noch schwieriger geworden", sagt Ziegenhals. Schwieriger, weil er seit 2013 zwei Tage die Woche in Markneukirchen ist. Hier ist er Professor, auf einer halben Stelle für Musikalische Akustik/Messtechnik an der Fachhochschule. "Es hat mir was gegeben, ich arbeite gern mit Studenten und denke, ich habe etwas bewegt und dem Institut hat es genutzt." Seine Stelle und eine weitere halbe werden bald mit einem neuen Vollzeitprofessor besetzt. Die Ausschreibung ist durch, Kandidaten sind da. Fängt der Neue an, scheidet er auch hier offiziell aus.

Der Abschied vom Institut gerade jetzt, na ja, ein bisschen schade sei es doch, gibt Ziegenhals zu: Gerade erst ist im Haus groß investiert worden, dank des Einsatzes der Sächsischen Industrieforschungsgemeinschaft mit 90 Prozent Förderung: Fenster, Türen, Heizungskessel, Fußböden, Anstrich neu, Dachdämmung und Fassaden folgen dieses Jahr. Ein Arbeitsumfeld, das er seinen Mitarbeitern und seinem Nachfolger gönnt. "Jetzt muss ein neuer her und die Sache anders machen. Anders ist besser als weiter so.."

In Zwota weitermachen, stand für Ziegenhals nie in Frage. Einmal in all den Jahren kam ein Angebot, wegzugehen. Die Berufsschule in Mittenwald suchte einen Akustiker. "Das wär nix geworden. Ich hatte in der Beziehung hier ein sehr harmonisches Arbeitsleben. Es hat Spaß gemacht, ich habe mit einem Gegenstand gearbeitet, den ich sehr gern habe, den ich in der Freizeit benutze". Der Spaß an der Arbeit kommt für ihn im Kontakt mit den Vogtländern, gerade Musikinstrumentenbauern. "Sie sind schon ein besonderes Völkchen. Aber wenn man sie geknackt hat, sind sie wunderbar."


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