Abrissbagger erhalten viel neue Arbeit

Drei weitere geschichts- trächtige Industrie- brachen sollen in den nächsten Wochen aus dem Klingenthaler Stadtbild verschwinden. Der Stadtrat hat dazu gestern Abend in einer Sonder- sitzung die nötigen Aufträge vergeben.

Klingenthal.

Der Stadtrat hat gestern in einer Sondersitzung die Aufträge zum Abriss von drei Brachen im Stadtgebiet vergeben. Geleitet wurde die Sitzung vom stellvertretenden Bürgermeister Gerhard Nöbel (CDU), Stadtoberhaupt Thomas Hennig (CDU) besucht die italienische Partnerstadt Castelfidardo, wo derzeit der internationale Akkordeonwettbewerb stattfindet.

Den Abriss des Gebäude Auer- bacher Straße 27 A übernimmt die Firma Erd- und Tiefbau GmbH Ebersbach aus Oelsnitz für rund 55.160 Euro. Das Unternehmen erhielt auch den Zuschlag für den Abriss des Gebäudes Auerbacher Straße 145 zum Angebotspreis von rund 121.520 Euro. Das Gebäude Auer- bacher Straße 164 reißt die Lengenfelder Recycling und Abbruch GmbH ab, der Preis liegt bei rund 58.750 Euro. In allen drei Fällen ist eine Komplettberäumung mit anschließender Begrünung des Areals vorgesehen. Wie Andreas Günnel, der Chef des Klingenthaler Bauamts, den Stadträten erläuterte, hat die Stadt für alle drei Maßnahmen Fördermittel vom Freistaat erhalten.


Hinter allen drei Gebäuden stehen interessante Geschichten:

Ehemalige Fahrzeugbeleuchtung (Auerbacher Straße 145): Als das Gebäude am 8. Juni 1899 als Hotel Herold eröffnete, wurde der Einzugsschmaus vom Mundharmonika-Trio der Brüder Carl, Robert und Berthold Dölling umrahmt, begleitet vom Bernhard Glaß auf einem Wiener Akkordeon. Leider ist nicht überliefert, welche Titel die Herren damals im Repertoire hatten.

Als Hotel diente das Haus aber nicht lange. 1921 kaufte der Mundharmonika-Hersteller Johann Schunk (1851-1931) das Areal für seine 1871 gegründete Firma und ließ einen Fabrikanbau errichten, in dem die Instrumente der Marke "Burgtor" gefertigt wurden. Das Unternehmen hatte 1929 sogar ein eigenes Orchester. 1930 schloss sich Schunk auch der Rauner-Seydel-Böhm AG an. Die war als Gegenstück zu Marktführer Hohner in Trossingen gedacht, hatte aber nur kurzen Bestand. Über die Zeit der DDR gibt es dagegen nur spärliche Informationen. Die Firma soll bereits 1960 verstaatlicht worden sein, später nutzte der VEB Fahrzeugbeleuchtung die Gebäude. Ein Neubeginn scheiterte angeblich an den hohen Schulden, die der letzte Betrieb hinterlassen hätte. Inzwischen steht der Komplex seit Jahren leer und verfällt. Das einstige Hotel diente zudem bis 1933 als Gewerkschaftshaus. Daran erinnerte noch bis vor wenigen Jahren eine Tafel für den im Spanischen Bürgerkrieg (1936-39) vermissten Erlbacher Kommunisten Albert Strötz, der dort als juristischer Berater tätig gewesen war.

Stimmplattenfabrik Reinhard Glier (Auerbacher Straße 27A): Die 1887 gegründete Firma war einer von drei Stimmplattenherstellern im Klingenthaler Raum - neben dem Zwotaer Max Schlott (gegründet 1881) und Oswald Meixner in Brunndöbra, dessen Gründungsjahr bislang nicht ermittelt werden konnte. Eine der wenigen erhalten gebliebenen Erinnerungen an die Firma ist eine Werbung aus den 1930er Jahren für dreieckige Stimmplatten für Solisteninstrumente. Der Betrieb arbeitete in der DDR zunächst mit staatlicher Beteiligung, wurde 1972 unter dem Namen VEB Tonzungenwerk verstaatlicht und kam bald darauf zu den Klingenthaler Harmonikawerke. Nach der politischen Wende wurde das jetzt zum Abriss stehende Gebäude Anfang der 1990er Jahre zunächst teilsaniert und einige Jahre lang von der Arbeitslosen-Initiative genutzt. Es gab damals auch Pläne für eine Freizeiteinrichtung für Kinder und Jugendliche.

Harmonika-Fabrik Max Spranger (Auerbacher Straße 164): Als Gründungsjahr für die Firma steht das Jahr 1903. Als eingetragene Markenzeichen sind Amor mit Pfeil und Bogen sowie ein großes M mit dem darüber gelegten Schriftzug "Spranger" bekannt. Inhaber Max Spranger legte auch in der Werbung großen Wert darauf, sich von gleichnamigen Konkurrenten zu unterscheiden - in Klingenthal gab es die Firma Gustav Spranger. Auch hier sind die Unterlagen zum Werdegang in der DDR spärlich. 1961 soll die Firma noch rund 100 Beschäftigte gehabt haben, ein großer Teil davon in Heimarbeit. Im Zuge der 1972 erfolgten Verstaatlichung kam der Betrieb zu den Klingenthaler Harmonikawerken. Anfang der 1980er-Jahre hatte dort sein Büro der Musiker und Komponist Alfred Wolf, der auf Messen im In- und Ausland neue Klingenthaler Instrumente vorstellte. Inzwischen ist das Gebäude nur noch ein Ruine.

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