Adorf: Knappe Mehrheit will die Awo

Der Auerbacher Träger betreibt ab 1. April das neue Mehrgenerationenhaus. Dabei schnitt die Diakonie Plauen in der Bewertung besser ab. Warum wurde sie dann nicht gewählt?

Adorf.

Die Arbeiterwohlfahrt Auerbach betreibt ab 1. April das neue Mehrgenerationenhaus im Begegnungszentrum Schillerstraße 23 in Adorf. Das hat der Hauptausschuss des Stadtrates am Dienstagabend mit hauchdünner Mehrheit von 4:3 Stimmen entschieden. Mit dem gleichen Ergebnis war zuvor die Übergabe des Hauses an die Diakonie Plauen abgelehnt worden. Für Awo und gegen Diakonie stimmten Bürgermeister Rico Schmidt (SPD), Freie Wähler-Fraktionschef Denny Cihak sowie Maritta Leipold (Die Linke) und Sandro Röder (SPD). Für die Diakonie sprachen sich die CDU- Abgeordneten Günter Glaß, Stefan Wolf und Sebastian Brand aus.

Der Hauptausschuss wurde zum Zünglein in der Waage, nachdem vorige Woche die Entscheidung im Stadtrat abgesetzt worden war. Vor allem die CDU-Fraktion hatte kritisiert, dass die Stadtverwaltung keinen der beiden Träger vorgeschlagen hatte - wie allgemein üblich. Awo und Diakonie hatten danach ihre Konzepte öffentlich vorgestellt. Zudem hatte die Verwaltung auf die Kritik der Stadträte reagiert, indem sie 13 Kriterien zum Betrieb des Mehrgenerationenhauses zu Papier brachte. In der Auswertung lag die Diakonie knapp vorn: Von 65 möglichen Punkten erreichte sie 56. Die Awo kam dagegen auf 52,5 Zähler.

In vielen Punkten nahmen sich beide Träger nichts. Der größte Unterschied: Volle Punktzahl für die Diakonie, weil sie in Plauen bereits als alleiniger Träger ein Mehrgenerationenhaus betreibt. Statt fünf Punkten erhielt die Awo hier nur zwei, da sie bislang bei einem Mehrgenerationenhaus als Teil einer Gemeinschaft von vier Trägern mitwirkt. Die Diakonie punktete mit ihrem Angebot, insgesamt 28 Stunden pro Woche für das Mehrgenerationenhaus aufzuwenden - die Awo wollte es bei 20 Stunden belassen, was 1,5 Punkte Abzug gab. Leicht vorn lag die Diakonie im Schwerpunkt generationenübergreifende Arbeit, wogegen die Awo bei der Einbeziehung des Wohlfühlbads an der Schillerstraße 23 besser abschnitt.

Bürgermeister Schmidt kam indes bereits bei der ersten Nachfrage des CDU-Abgeordneten Sebastian Brand ins Schwimmen. Dieser wollte wissen, ob der Beschlussvorschlag für den Ausschuss so zu verstehen sei, dass die Stadtverwaltung zur Diakonie tendiere. "Das kann man so nicht sagen", antwortete Schmidt, "das hat das Punktesystem so ergeben". Wenig später setzte er hinzu: "Der Bürgermeister tendiert nicht zu dem Beschlussvorschlag - aufgrund der Präsentation". Konkreter wurde Schmidt erst auf "Freie Presse"-Nachfrage: "Das Gesamtpaket der Awo von Beginn an bis zur Präsentation" habe für ihn den Ausschlag gegeben - das wäre ein "ganz kleines, winziges Mehr" gegenüber die Diakonie. Gut habe ihm gefallen, dass die Awo eine Umfrage in Adorf starten wollen, welche Angebote sich Menschen vor Ort wünschen - und dass dieser Träger Pläne habe, das Wohlfühlbad mehr zu nutzen. Dessen Einbau habe schließlich eine ganze Menge Geld gekostet, sagte Schmidt auch als Aufsichtsratschef des Hauseigentümers, der kommunalen Wohnungsgesellschaft Adorf.

Für die Diakonie sprachen die CDU-Räte. "Für mich ist ausschlaggebend schon die Erfahrung mit dem Mehrgenerationenhaus", so Sebastian Brand. Inhaltlich sei deren Konzept gut, sagte Fraktionskollege Stefan Wolf. "Wir sind dafür, dass die Awo es machen sollte", war für SPD- Mann Sandro Röder die Präsentation ausschlaggebend. Die Awo habe zum Teil Erfahrung, so Denny Cihak (Freie Wähler): "Wir sollten ihr die Chance geben, das Haus zu betreiben". Hin- und hergerissen sowie "ein bissel überfordert" zeigte sich Maritta Leipold (Die Linke). Die Aussicht, mit der Awo einen im Haus öfter nötigen Pflegedienst schnell vor Ort zu haben, ließ sie sich dann für den Auerbacher Träger entscheiden.

Ab 1. Januar 2018 soll die Awo auch Träger des Mehrgenerationenhauses werden. Aus Gründen des Fördermittelrechtes bleibt es bis dahin die Stadt. Adorf erhält für das neue Angebot bis 2020 jedes Jahr 30.000 Euro Zuschuss, jeweils 10.000 Euro muss die Stadt aufbringen.


Kommentar: Es bleiben Fragen

Für mich ist die Entscheidung, dass die Arbeiterwohlfahrt Auerbach ab 1. April das neue Mehrgenerationenhaus in Adorf betreibt, zumindest fragwürdig. Es ist ja richtig, dass sich die Konzepte von Awo und Diakonie in vielen Punkten ähneln. Bei zwei Kriterien, aus meiner Sicht entscheidenden, hat die Diakonie Plauen aber die bessere Bewertung erhalten: Dieser Träger hat deutlich mehr Erfahrungen mit dem Betrieb eines Mehrgenerationenhauses - und er will für das neue Angebot in Adorf insgesamt 28 Stunden aufwenden. Die Awo will sich mit dem geforderten Mindestmaß von 20 Stunden pro Woche begnügen. Wenn ich diese Kriterien auf die eine Seite der Waage lege und auf die andere Seite die Einbeziehung des im Haus vorhandenen Wohlfühlbades - wohin neigt sich dann die Waage? Dass es nur an der Präsentation der beiden Konzepte am 6. März gelegen haben kann, reicht als Grund für den Vorzug der Awo aus meiner Sicht ebenfalls nicht aus. Sicher war die Präsentation der Awo geschliffener - aber es gab genauso Zuhörer, die gerade diese Präsentation als zu flach, zu beliebig ansahen. Sicher: Eine Gewähr, dass alles gut geht, hat Adorf weder bei Awo noch bei Diakonie. Ich frage mich aber, warum Bürgermeister Rico Schmidt in der Frage des künftigen Betreibers und ab 1. April Träger des Mehrgenerationenhauses einen regelrechten Eiertanz aufführt - und das vier Wochen vor Ostern! Hätte er in öffentlicher Sitzung genauso klar geantwortet wie gestern auf Nachfrage, wäre so manche Irritation ausgeblieben.

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