Als das Buschhaus zum Kino wurde

Buschhaus- Geschichten: Vor dem Abriss erinnern sich die Vogtländer. Heute berichtet Siegfried Leonhardt aus Mühlleiten.

Auch ich habe viele Erinnerungen an das Buschhaus, auf zwei davon will ich hier eingehen.

Mit meinen Eltern wohnte ich nach dem Krieg in Plauen, verbrachte aber als Kind viel Zeit bei meinen Großeltern in Mühlleithen, dem "Zwickischen Willy", einem Mühlleithener Original, und seiner Frau Minna. Später in der Schulzeit hielt ich mich zu beinahe allen Ferien in Mühlleithen auf. Unter den Dorfkindern hatte ich meine Freunde.

Regelmäßig kam ab Anfang der 1950er Jahre der Landfilm nach Mühlleithen. Das war für uns Kinder ein Ereignis, wenn der Filmvorführer seine Ausrüstung und Leinwand aus dem Auto auslud und im Saal des Buschhauses aufbaute. Die Tische wurden zur Seite geräumt und vor der Leinwand wurden die Stühle in Reihen aufgestellt. Am Nachmittag gab es eine Kindervorstellung und am Abend eine Vorstellung für Erwachsene. Das wurde aber nicht so genau genommen, sodass einige Kinder auch am Abend in der Vorstellung saßen. Eines Tages gab es einen sowjetischen Film über eine Ärztin. Diesen Film schaute ich mir mit meinem Mühlleithener Freund Gerhard Giszas an. Die Handlung des Filmes habe ich vergessen, die war uns wahrscheinlich gar nicht so wichtig, dafür aber die hübsche Schauspielerin, von der wir begeistert waren. In diese waren wir als Acht- bis Zehnjährige regelrecht "verknallt". Bei Dunkelheit schlichen wir zur Anschlagtafel der Gemeinde und holten uns das Filmplakat, auf dem ganz groß das Gesicht der Schauspielerin abgebildet war. Wir schmiedeten darauf hin den Plan, uns zu ihr in die Sowjetunion auf den Weg zu machen. Lange überlegten wir, wie wir das anpacken sollten. Zum Glück wurde das Vorhaben dann doch nicht ausgeführt, aber noch heute, etwa 65 Jahre später, denken wir daran zurück.

Die großen Sportveranstaltungen in Mühlleithen haben mich als Wintersport-Anhänger von Kindheit an sehr interessiert. 1959 wurde ein Jubiläumsspringen anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Vogtlandschanze organisiert, das zugleich als Revanche-Wettkampf für die gerade stattgefundene Weltmeisterschaft in Lathi angesehen wurde. Alles was Rang und Namen unter den damaligen Skisprung-Nationen hatte, war vertreten. Der Ort war im wahrsten Sinne des Wortes schwarz vor Menschen und Tausende und Abertausende bewegten sich zur Vogtlandschanze.

Natürlich war das Buschhaus voll belegt von namhaften Sportlern und Prominenz. Den Wettkampf gewann Harry Glaß, der in Lathi Platz 4 belegt hatte, vor dem Norweger Torbjörn Yggeseth und Werner Lesser. Am Abend fand die Siegerehrung und eine riesige Party im Buschhaus mit allen Sportlern statt. Kinder waren natürlich nicht zugelassen. Aber ich wollte unbedingt ins Buschhaus, um mir soviel wie möglich Autogramme von den Sportlern zu holen. Dazu hatte ich zwei Ansichtskarten von Mühlleithen vorbereitet, eine Ansichtskarte für unsere Sportler und eine für die Ausländer. Zunächst wurde ich am Eingang abgewiesen, aber ich hatte ja mit Herbert Leonhardt, den in der Nachkriegszeit sehr erfolgreichen Wintersportler und späteren Trainer, einen Verwandten, der mir schließlich half, ins Buschhaus zu kommen.

An diesem Abend sammelte ich viele Autogramme ein. Eine Autogrammkarte besitze ich heute noch. Leider ist die Karte mit den Autogrammen der ausländischen Sportler verloren gegangen. Unvergesslich sind nicht nur dieser besondere Tag und die Feier im Buschhaus, sondern auch die damalige Begeisterung unter den Sportlern und Zuschauern sowie das riesige Engagement der Mühlleithener Einwohner, ohne das solche Ereignisse nicht möglich gewesen wären.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...