Alte Kunstlederfabrik marode: Straße durch Areal jetzt gesperrt

Die einstige Industrieanlage in Tannenbergsthal bereitet der Gemeinde nicht zum ersten Mal Sorgen. Jetzt sieht sie sich zu einer Notmaßnahme gezwungen.

Tannenbergsthal.

Die durch das Areal des Gewerbehofes Keffel, der ehemaligen Tannenbergsthaler Kunstleder-Fabrik, führende öffentliche Straße ist gesperrt. Das hat die Gemeinde Muldenhammer veranlasst, sagte Bürgermeister Jürgen Mann (Freie Wähler) zur Sitzung des Gemeinderates auf Anfrage von Claus Reichelt (Linke). Direkt durch das Grundstück führt laut Reichelt die kürzeste Verbindung vom Dorf hinauf zum Schneckenstein.

"Der über die Straße führende Übergang zwischen den Gebäuden ist nicht mehr sicher. Mit der Sperrung kommen wir unserer Pflicht zur Verkehrssicherung nach", erklärte der Bürgermeister. Mehr könne die Gemeinde laut seinen Worten aber nicht tun, der Gewerbehof ist privat. Dort sind gut ein Dutzend Firmen und Handwerksbetriebe eingemietet. "Wir können nicht öffentliche Gelder in privates Eigentum investieren", machte er deutlich.

Der Zustand des Areals bereitet den Gemeinderäten zunehmend Sorgen. Aus der historischen Backstein-Straßenfassade des Fabrik- gebäudes direkt an der 283 wachsen inzwischen Bäume von beachtlicher Größe. Auf dem Grundstück stehen allein drei große Schornsteine, die früher oder später abgetragen werden müssen - einer davon direkt neben der verbliebenen Zufahrt von Gottesberg zum Schneckenstein.

Die einstige Kunstlederfabrik prägte über Generationen das Leben in Tannenbergsthal. 1843 hatte der damals 29-jährige, in Braunschweig geborene Friedrich Eduard Keffel in der Tannenbergsthaler Nachbarstadt Auerbach mit einer Garnhandlung die Firma Keffel gegründet. 1855 kaufte er in Tannenbergsthal das Areal des ehemaligen Hammerwerks Lattermann und errichtete dort die erste mechanische Weberei in Sachsen, die im Herbst 1856 in Betrieb ging. Allein das Fabrikgebäude - 130 Meter lang, 17 Meter breit, vier Etagen hoch - muss damals gigantisch gewirkt haben.

Seinem 1849 in Auerbach geborenem Sohn Ernst Alexander ermöglichte der Vater eine kaufmännische Ausbildung in den USA. 1878 übernahm der Sohn die Leitung des Betriebes. Er gründete 1879 die Ledertuchfabrik, 1894 die Wachstuchabteilung, 1904 folgte die Produktionsstätte für Kunstleder. Als Ersatz für die 1908 abgebrannte Weberei wurde ein neues Gebäude errichtet. Hinzu kamen Arbeiterwohnungen, die "acht Häuser" und "zehn Häuser" an der ehemaligen Keffel-Straße, jetzt Robert-Blum-Straße. Mit Spenden der Familie Keffel konnte 1905 die Volksschule für Tannenbergsthal und Jägersgrün eröffnet und 1910 die Kirche übergeben werden.

Nach dem Volksentscheid in Sachsen 1946 wurde Keffel enteignet. Bei einer Beteiligung von 94,2 Prozent hatten 78,5 Prozent der Einwohner dafür gestimmt. Der aus der Firma entstandene VEB Kunst- lederfabrik wurde einer der größten Arbeitgeber der Region.

Das Werk und die Gemeinde, das waren über Generationen gewachsene Verflechtungen. "Nach der Wende musste beispielsweise ein kommunaler Bauhof aufgebaut werden. Zuvor hatte diese Arbeiten der Betrieb mit erledigt", erinnerte sich Karl-Heinz Müller, von 1990 bis 2009 Bürgermeister in Tannenbergsthal. Der Konkurs der Fabrik im März 1991 traf die Gemeinde hart - bis hin zur Schließung der Mittelschule im Sommer 2003.

"Wir hatten damals nicht erwartet, dass der Konkurs letztlich so auf die Gemeinde durchschlägt", hatte Müller am Ende seiner Amtszeit konstatiert. Allein zwischen 1994 und 2004 sank die Einwohnerzahl um mehr als 20 Prozent. Müller hat es nicht vergessen, wie ihm an einem Freitagnachmittag im März 1991 der Konkursverwalter mitteilte, dass ab dem folgenden Montag die Fernwärmeversorgung für 200 Wohnungen, Schule und weitere Gebäude eingestellt werde. Es folgte ein Winter- Wochenende mit hektischen Telefonaten bis in die Regierung nach Bonn. Am Ende war es Rudolf Seiters, seinerzeit der Chef des Bundeskanzleramtes von Helmut Kohl, der beim Konkursverwalter durchsetzte, dass das Heizwerk nicht abgeschaltet wurde.

Als eine der ersten Firmen siedelte sich 1992 auf dem ehemaligen Kunstleder-Areal der Vogtländische Möbel- und Holzbearbeitungsbetrieb an, der bis zu 60 Mitarbeiter zählte. 2012 wurde Insolvenz angemeldet. Die Werkhallen stehen leer.

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