Aufmerksamkeit für Judenretter

Alfred Roßner aus Oelsnitz gilt als "Oskar Schindler des Vogtlands". Seine Biografin Hannah Miska hat ihn Donnerstagabend Zuhörern nahegebracht.

Oelsnitz.

Das Haus Schmidtstraße 4 in Oelsnitz kann zwei Geschichten erzählen: Zum einen war es als "Bleibe" viele Jahrzehnte bis 1949 eine beliebte Gaststätte. Zum anderen stand hier die Wiege eines Vogtländers mit ganz besonderem Lebensweg: Alfred Roßner, der als Treuhänder eines Betriebs der SS im besetzten Polen Juden vor der Deportation im Vernichtungslager bewahrte. Das war im Vogtland lange unbekannt. Das zu ändern haben sich auf die Fahnen geschrieben unter anderem der Falkensteiner Forscher Ralph Ide, Falkensteiner Schüler - und Hannah Miska. Sie hat die Romanbiografie "Der stille Handel: Alfred Roßner - Lebensretter im Schatten der SS" geschrieben, aus der sie am Donnerstag vor 30 Zuhörern las.

In der Oelsnitzer Stadtbibliothek gingen nur ganz wenige Hände nach oben auf die Frage, wer den Namen Alfred Roßner vor der Lesung kannte. Vor Jahren ging es Hannah Miska nicht anders: Den Namen Roßner hörte sie erstmals in Australien, als sie in Melbourne lebte und dort im Holocaust-Museum arbeitete. Eine Überlebende der Judenvernichtung "erzählte vehement und immer wieder" von Roßner, sagt Miska. Die Frau hieß Kitia Altman. Sie wurde zu einer der wichtigsten Quellen ihres Buches, dessen erste Kapitel sie noch lesen konnte, bevor sie mit fast 96 Jahren gestorben ist.

Roßner, der nie nur ansatzweise die Aufmerksamkeit eines Oskar Schindler ("Schindlers Liste") erfuhr, wurde von seiner Biografin als "waschechter Vogtländer" charakterisiert. Er verhielt sich indes deutlich anders als viele Zeitgenossen. Geboren in Oelsnitz, aufgewachsen in Treuen und Falkenstein, kam er früh über den Textilienverkauf seiner Mutter mit jüdischen Textilfabrikanten in Kontakt. Einer davon war der Falkensteiner Arie Ferleger, für den Roßner in Berlin arbeitete und dessen Ruf er ins oberschlesische Bedzin folgte, nachdem Nazis Ferleger zum zweiten Mal seine Textilfabrik weggenommen hatten. In Bedzin suchte Roßner, Juden zu retten. Hannah Miska las solche Kapitel aus ihrem Buch - wie die von Kitia Szpigelman, die später Altman hieß. Dass Roßner ein "Judenfreund" war, blieb den Nazis nicht verborgen. Sein Leben endete im Dezember 1943 in Gestapo-Haft; er starb an Misshandlungen. Es lag maßgeblich an Kita Altman, dass Roßner 1995 als "Gerechter unter den Völkern" geehrt wurde - die höchste Auszeichnung, die Israel an Nichtjuden vergibt. Roßner ist einer von nur 627 Deutschen, die sie erhalten haben. Mit dem Postboten Josef Maciejok aus Schöneck sowie Sattlermeister Paul Dietrich und seiner Tochter Hilde aus Mönchgrün bei Schleiz sind weitere Vogtländer darunter.

Nachdem es in Falkenstein die Idee gibt, die Grundschule nach Roßner zu benennen oder einen Alfred-Roßner-Preis auszuloben, wurde auch die Idee einer Würdigung in Oelsnitz laut. Hannah Miska würde es freuen. Denn ein Abend kann nur ein Baustein der Erinnerung sein. Die sei gerade in der jetzigen Zeit, in der ein Erstarken des Antisemitismus in Deutschland zu erleben ist, von großer Wichtigkeit, betonte Bibliothekarin Petra Enders.


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